ZDF, Sonntag, 24. Juli: "Angst"

Wir meinen", verkündete die Ansagerin mit strenger Miene, "daß man die Augen vor der Gewalt, die um uns ist, nicht verschließen sollte. Deshalb muten wir uns und Ihnen diesen Film zu."

In der Tat, "Angst" von Bernd Schadewald (Regie) und Fred Breinersdorfer (Buch) war kein Unterhaltungsfilm. Diese düstere Ballade um eine Arbeiterfamilie, in der ein Vater seine Frau mißhandelt, seine Tochter vergewaltigt, ihr ein Kind macht und das Baby um ein Haar tötet, diese nach einer wahren Begebenheit erzählte Tragödie zeigte kaum eine Gegenwelt, in der es mal menschenfreundlich zuging; sie setzte ihre Figuren gleich zu Anfang auf eine abschüssige Bahn und ließ sie ins Unglück hinuntertrudeln.

Das Verhängnis in Gestalt des sadistischen Machos: "Ich bestimme, wann dein Leben zu Ende ist", "Ich finde dich, und dann stech’ ich dich ab" – dieses Verhängnis war bereits in der ersten Einstellung massiv da, es dominierte mit seiner Unberechenbarkeit diese Strecke des Films und wirkte um so stärker weiter, als der Unmensch in den Knast gewandert war – denn man wußte ja: Er kommt wieder raus.

"Sie müssen lernen, mit der Angst zu leben", sagt man dem Opfer auf dem Polizeirevier. Und der Sozialarbeiterin, die damals der Tochter zur Anzeige riet, fällt nur ein: "Ich bin gern bereit, mich mit den zuständigen Stellen in Verbindung zu setzen." Als es soweit ist und der Peiniger entlassen wird, sehen seine Opfer keinen anderen Ausweg, als ihn vor den Toren der Haftanstalt niederzuschießen. So ähnlich ist es wohl auch in Wirklichkeit gewesen. Der Abspann teilt das relativ milde Strafmaß für die Täterinnen mit.

Filme wie dieser hinterlassen einen zwiespältigen Eindruck. Sie bestechen durch ihre Konsequenz und Geschlossenheit, enttäuschen aber, weil sie keinen Genuß bieten. Man mag in "Angst" die Leistungen der Schauspieler bewundern, man mag die Regie loben, die nicht auf Effekte zielte und ganz auf die Gesichter, die Blicke und die Gesten setzte – aber man mag eigentlich die Geschichte nicht hören. Man hat davon in der Zeitung gelesen, das reicht. Wozu so ein Film?

Natürlich um zu zeigen, wozu Menschen fähig sind, was sie einander zufügen, was sie erdulden, was sie nicht vergessen. Im Kino und auch im Fernsehen haben Schauerstoffe wie "Angst" eine lange, fruchtbare Tradition. Genuß schenken sie durch Spannung und Bewegung, dadurch, daß die Figuren durch überraschende Reaktionen zeigen, wie schwer durchdringlich das menschliche Motivdickicht ist.