Drei Meter Betonmauer, Stacheldraht, Wachtürme, Suchscheinwerfer – dahinter einer der größten Hochsicherheitstrakte der Welt: Swerdlowsk 44, die geheime und geschlossene Stadt im Ural. Was aus einigen hundert Metern Entfernung wie ein riesiges Gefängnis für Schwerverbrecher erscheint, ist eines der russischen Zentren für nukleare Kampfstoffe. Rund 92 000 Menschen leben und arbeiten an diesem Ort, den die Landkarten verschweigen.

Nur ein Berghang hinter den Stadtmauern gibt einen kleinen Blickwinkel auf durchaus attraktive Neubauten frei. Aus den Büschen an der Mauer tauchen plötzlich Kinder auf. Sie haben ihr eigenes Schlupfloch gefunden. Sie eilen zum See „draußen“. Eine Viertelstunde vom Schlupfloch der Kinder entfernt gibt es zwei Tore mit bewaffneten Vorposten. Dahinter, wie ein kleines Bahnhofsgebäude, die Abfertigungshalle für die offizielle Ein- und Ausgangskontrolle. Die Prozedur entspricht den alten sowjetischen Grenzformalitäten. Die Einwohner haben ihren speziellen Paß.

Lena, eine Ingenieurin Anfang Dreißig, fühlt sich nicht im geringsten beeinträchtigt, eher geschützt: „Ich bin hier geboren und aufgewachsen. Als ich vierzehn Jahre alt war und mit meiner Mutter zum ersten Mal in das heutige Jekaterinburg gefahren bin, habe ich gar nicht verstanden, wo die Stadt beginnt. Ich wartete immer auf die Mauer, auf die Türme und Tore.“

Fremde dürfen Lena weder besuchen noch ihre Stadt besichtigen. Dabei verfügt auf dem riesigen Territorium jedes Werksgelände und jedes Waffenlager noch zusätzlich über ein eigenes Kontrollsystem. Bewaffnete Überfälle sollen schon im Vorfeld durch Verkehrskontrollen ausgeschlossen werden. Auf der nördlichen Ausfahrtsstraße der heutigen Mafiametropole Jekaterinburg stoppen Sicherheitskräfte mit vorgehaltenen Maschinenpistolen jeden Wagen. Tag und Nacht überprüfen sie Papiere und Fahrzeuge.

Swerdlowsk 44 ist eine der Atomstädte, die nach Hiroshima hochgezogen worden sind. Die meisten entstanden unter Regime und Regie von Stalins Geheimdienstchef Lawrentij Berija. Zehn dieser Städte sind bis heute geschlossen. Insgesamt 730 000 Menschen leben dort. Ausländern ist im Prinzip nicht einmal ein ferner Blick auf die Hochburgen der Atomwaffen- und Nuklearforschung gestattet.

In allen geschlossenen Städten, die unter Aufsicht des Ministeriums für Atomenergie stehen, in denen insgesamt 103 000 Arbeiter und 37 000 Wissenschaftler mit dem chemischen und radioaktiven Waffenzubehör zu tun haben, nähmen die sozialen Probleme bedrohlich zu, klagten vergangene Woche Betriebsdirektoren und Bürgermeister in Moskau während einer „parlamentarischen Anhörung“. „Früher war die Lage ungleich besser“, so Sergej Worotnikow, Bürgermeister von Krasnojarsk26. „Wir waren bevorzugt mit Lebensmitteln versorgt, unsere Straßen waren sauber, Kriminalität kannten wir nicht.“

Heute hingegen liege das Durchschnittseinkommen seiner Stadt um dreißig Prozent unter dem Niveau der Region. Und der Vergleich mit den Löhnen im nordwestlichen Tjumen, wo der Öl- und Gassektor dominiert, lasse eine fortschreitende Diskriminierung der geschlossenen Atomstädte erkennen. Sergej Worotnikow hat Boris Jelzin daher zu einem Besuch eingeladen: „Der Präsident muß sehen, wie wir leben.“