Finanzmarkt

Zwei Jahre lang bestimmte der Zins die Kursentwicklung an den deutschen Börsen. Von August 1992 bis zum Jahresende 1993 sank die durchschnittliche Umlaufrendite öffentlicher Anleihen um rund drei Prozentpunkte von 8,4 auf 5,4 Prozent. Gleichzeitig stieg der Deutsche Aktienindex (Dax) um mehr als 50 Prozent. Diese rasante Entwicklung verlief zu schnell und zu steil. Seither haben Renten- und Aktienmarkt die Übertreibungen korrigiert: Der Kapitalmarktzins (derzeit bei etwa 6,75 Prozent) fand zu einem normalen Abstand zur Inflationsrate (Juni 1994: 2,9 Prozent) zurück, und vor allem zinssensible Aktien wie die von Banken und Versicherungen mußten deutliche Kurseinbußen hinnehmen.

Mit dieser Normalisierung endet vermutlich die Phase der engen Zinsabhängigkeit der Börse. Jetzt müssen vor allem die Industrieunternehmen den Kursanstieg ihrer Aktien durch entsprechende Gewinnsteigerungen rechtfertigen. Die Erwartungen sind hoch gesteckt. So rechnet die Commerzbank bei einer Auswahl von rund 170 Aktiengesellschaften mit durchschnittlichen Gewinnsprüngen von jeweils rund 25 Prozent in den Jahren 1994 und 1995. Die Privatbankiers von Schröder Münchmeyer Hengst & Co. schätzten das Gewinnsteigerungspotential zumindest für die 30 Werte des Deutschen Aktienindex (Dax) noch höher ein: plus 83 Prozent in 1994 und noch einmal plus 33 Prozent in 1995.

Inzwischen zeigt sich, daß viele Unternehmen ihre Produktivität viel stärker verbessert haben, als man erwarten konnte. Rationalisierungsanstrengungen und Kapazitätsabbau haben in den vergangenen Monaten zu einem deutlichen Rückgang der Lohnstückkosten geführt. Im April 1994 – neuere Daten liegen noch nicht vor – lagen die durchschnittlichen Kosten je Produkteinheit in der Industrie um mehr als 6,5 Prozent unter dem Niveau des Vorjahresmonats. Einen so deutlichen Rückgang der Produktionskosten hat es in keiner vergleichbaren Konjunkturlage der vergangenen Jahrzehnte gegeben. Unter der Voraussetzung, daß die Preise für Industrieprodukte nicht – wie im vergangenen Jahr – weiter sinken, führt allein der Lohnkostenrückgang zu einer deutlichen Verbesserung der Ergebnisse.

Tatsächlich dokumentiert der Index der Erzeugerpreise gewerblicher Produkte in den ersten Monaten dieses Jahres einen leichten Anstieg. Die kräftige Produktivitätssteigerung und der leichte Erzeugerpreisanstieg (Juni 94: 0,4 Prozent gegenüber Juni 93) sollten ausreichen, um den Anstieg der Rohstoffpreise (zuletzt 3,1 Prozent) weitgehend zu neutralisieren.

Hinzu kommt, daß die Industrie jetzt wieder mehr Aufträge verbucht. Im Durchschnitt der drei Monate März, April und Mai 1994 lag der Auftragseingang um rund 7,5 Prozent höher als im gleichen Vorjahreszeitraum. Letzten Meldungen zufolge setzte sich der Trend in jüngster Zeit beschleunigt fort. So gingen bei den Maschinenbauern – einer der von der Rezession besonders arg gebeutelten Branche – im Juni sogar 26 Prozent mehr Bestellungen ein als im Juni 1993.

Die über Erwarten kräftige Reduzierung der Lohnstückkosten und die verbesserte Auftragslage einerseits und die schwindenden Erwartungen auf einen weiteren raschen Zinsrückgang andererseits dürften dafür sorgen, daß sich das Interesse der Börsianer nach der Sommerpause stärker auf die Gewinnentwicklung der Unternehmen konzentriert. Davon sollten vor allem die Industrieaktien profitieren.