MfS-Major Sylvester Murau, der 1954 in den Westen geflüchtet war, wurde im Juli 1955 von seiner eigenen Tochter Brigitte C. zwei Berufsverbrechern zugespielt, die ihn betrunken machten und von Schweinfurt über Bamberg in die DDR verschleppten. Murau soll – zur Abschreckung – im Beisein vieler MfS-Kollegen erhängt worden sein. Die beiden Haupttäter wurden im selben Jahr vom Landgericht Berlin zu zehn beziehungsweise zwölf Jahren Zuchthaus verurteilt.

Der einzige abtrünnige MfS-Offizier, der nicht hingerichtet wurde, war Hauptmann Walter Thräne. Nachdem er im September 1952 in Österreich entführt worden war, wurde er zu einer langjährigen Haftstrafe verurteilt, weil er seine Kenntnisse westlichen Diensten noch nicht offenbart hatte. Nach einer Amnestie kam er 1973 frei und lebte unter anderem Namen in Eisenhüttenstadt. Im Westen hielt man ihn für tot und fand ihn erst nach der Wende. Er ist inzwischen gestorben.

Auch nach 1964 gab es noch vereinzelte Entführungen und Versuche, Menschen unter Vorspiegelung falscher Tatsachen in die DDR zu locken. Der letzte bekannte Fall ist das Verschwinden einer tschechischen Diplomatin im Mai 1981, sie hatte in West-Berlin um politisches Asyl gebeten. Das Ministerium für Staatssicherheit kannte drei Methoden der Entführung.

Die „sanfteste“: Die Opfer wurden unter einem Vorwand in die DDR oder in Grenznähe gelockt und dann verhaftet. So erhielt Herbert Schreiber, Mitarbeiter der „Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit“, im September 1953 einen Brief von seiner in Ost-Berlin lebenden Braut, in dem sie ihm unter Zwang mitteilte, sie sei bei einem Unfall verletzt worden und liege krank im Bett. Die „Annelie“ genannte Frau hatte mit „Anneliese“ unterschrieben. So hatten es die beiden als Warnzeichen vereinbart. Aber Herbert Schreiber hat das übersehen. Er fuhr in ihre Wohnung, wurde verhaftet und zu lebenslänglicher Zuchthausstrafe verurteilt. Im September 1964 entließ man ihn nach Westdeutschland.

Die zweite Methode: Die Opfer wurden durch K.-o.-Tropfen in Privatwohnungen oder Kneipen handlungsunfähig gemacht und dann in ein Auto geladen, das sie in den Osten brachte. In der Regel wurde das Gift in Kaffee oder Weinbrand, gelegentlich in Konfekt oder Zigaretten verabreicht – ein Cocktail aus Scopolamin, ein zentral wirkendes Basisnarkotikum mit halluzinatorischen Nachwirkungen, und Atropin, das den Speichelfluß hemmt, damit das Opfer nicht erstickt. Bei einem rechtzeitig gefaßten Täter wurde aber auch eine Ampulle gefunden, die laut Gutachten „ein Alkaloid mit kondensierten Pyrollidin- und Piperindinringen“ enthielt – ein Gift, das zu aufsteigenden Lähmungen, Speichelfluß, Erbrechen, Durchfall und letztlich zum Tod durch Ersticken führen kann.

Die Opfer waren stunden-, manchmal tagelang bewußtlos. Danach, so berichtete ein Entführter später, „verspürte ich starken Durst und befand mich in einem völlig apathischen Zustand.... Ich nehme an, daß der Kaffee oder die Zigaretten, die ich von Weidmann bekommen hatte, vergiftet waren. Die Wirkung hielt etwa zwei Wochen an, wurde dann schwächer. Trotzdem hatte ich noch Halluzinationen. Ich sah Gegenstände und Bilder an den Wänden, auf dem Fußboden, die überhaupt nicht vorhanden waren.“

Die dritte Methode: Die Opfer wurden zusammengeschlagen und dann im Kofferraum eines Autos in die DDR verschleppt. Der ehemalige Transportpolizist Horst Hempel, am 29. Januar 1954 entführt, starb einen Tag später in der Haft, vermutlich an erlittenen Verletzungen. Er war neunzehn Jahre alt.