Paris, einFest fürs Leben, Jahr für Jahr. Wie oft mag sie beneidet worden sein? Miterleben, wenn die Mode Premiere hat, heute sehen, was morgen letzter Schrei heißt, mittendrin im Szene-Rudel...

„Es war immer Nahkampf. Ein Horrortrip.“ Antonia Hilkes Blick zurück ist frei von Rosarot. Ohne Umschweife vermittelt sie im hochsommerlichen Hamburg eine Vorstellung von eisigen Pariser Temperaturen. „Wir waren wie Parias. Sie wollten uns nicht dabeihaben, schmissen uns hinaus oder wiesen uns Plätze zu, wo wir nicht drehen konnten. Immer war ich voller Panik, ob wir gutes Material nach Hause bringen.“

Sie brachte. Zweimal jährlich, über dreißig Jahre lang. Aus dem Pariser Rohstoff wurde daheim beim NDR am Schneidetisch die einzige echte Modesendung des deutschen Fernsehens zusammengefügt, hinter deren nüchternem Titel „Neues vom Kleidermarkt“ sich nicht nur ein sinnlicher Eindruck der Kollektionen verbarg, sondern spannende Reportagen vom Schauplatz Paris.

Jetzt hat diese 1990 eingestellte Kultsendung die höheren Weihen erhalten. „Eine Hommage à Antonia Hilke“ nennt der Direktor des Hamburger Museums für Kunst und Gewerbe die Mitte Juli eröffnete Ausstellung „Déjà vu“; Haute Couture und Pret-ä-porter-Mode der vergangenen vierzig Jahre, entlangerzählt und belegt mit Hilkes berühmten Skizzen und Filmen. „Das finde ich prima, das mit Antonia“, lobte Karl Lagerfeld aus Paris, der einzige im Rudel, der ihr klares Urteil schätzte, und rasch schenkte er noch sechs Roben zur Abrundung. Eine Dozentin der Modefachhochschule flicht Kränze: „Wir, die wir nicht nach Paris fahren konnten, fanden bei Antonia Hilke erste Orientierung.“

Zu den Fans zählt der Modephotograph F.C. Gundlach, der das legendäre „NvK“-Schnittmuster beschreibt: „Hanseatisch cool saß sie an einem Zeichentisch im klassischen Twinset. Die Lesebrille auf der Nase schaukelnd, berichtete sie nüchtern, aber mit Kompetenz, über die Tendenzen der neuen Mode. Jeder Satz enthielt eine Information, ohne Schnörkel oder feuilletonistische Verbrämung. Gelegentlich gestattete sie sich ein schnoddriges Berliner Konfektions-Idiom.“

Die Sogwirkung ihrer Präsentation fing Eingeweihte ebenso ein wie jene Zuschauer, die mit Mode absolut nichts am Hut hatten. Das Licht stimmte, die Brennweiten, und auf die Hundertstelsekunde genau zum Takt der oft ironisch kommentierenden Musik hüpften, tanzten, schritten Dutzende von Models direkt auf den Betrachter zu. Hilkes dick eingekochter Kommentar aus dem Off, kritisch bis enthusiastisch, bündelte die Schauen zu, griffiger Orientierung.

Sie hielt es mit Balzacs Wort: „Ein Narr, der in der Mode nur die Mode sieht.“ Die Filmemacherin, die nie bloß Modetante sein wollte, ist überzeugt davon, daß Menschen eine Menge über sich verraten durch das, was sie auf der Haut tragen. Für schlicht absurd hält sie daher auch den durch häufige Wiederholung nicht zutreffender gewordenen Verdacht, der launische Wechsel werde ferngesteuert. „Man kann Verbraucher nicht manipulieren. Wenn man etwas auf den Markt schmeißt, was nicht bereits als latentes Bedürfnis da ist, wird es ein Flop. Die irren sich zu Tode! Machen lange Röcke, wenn keiner sie will, und hoffen, daß es gutgeht...“

Warum tut sich das Thema aber hierzulande so schwer, ist allenfalls gut für die bunte Meldung am Ende der Tagesschau? „Die Deutschen haben doch ein gespaltenes Verhältnis zur Mode. Die ist luschig, anrüchig. Mit der Mode als soziologischem Phänomen hat sich kaum jemand ernsthaft befaßt. Architektur, Einrichtungen, Autos – alles ist Mode, und da wird es akzeptiert.“

Ein Jahr lang hat sie die Vorbereitung der Ausstellung ignoriert. Ihre Freiräume pflegt sie, auch wenn andere das mitunter anstrengend finden. Einer, der sie kennt und schätzt, weiß: „Sie möchte umworben werden wie ein Ritterfräulein.“ Daß sie schließlich doch noch, in Jeans und Blazer, zur Pressekonferenz erscheint, ist ihrem langjährigen Kameramann Gerd Thieme zu verdanken. Lebhaft erinnert er sich an die Paria-Zeit: „Antonia sagte: ist mir vollkommen wurscht. Wenn ich vorn herausfliege, schleiche ich mich hinten wieder hinein.“

Selbstbewußt und arrogant mag das klingen. Dahinter aber steckte nichts als die Entschlossenheit einer Alleinstehenden, sich und ihre zwei Kinder durchzubringen. Wie ihre rasanten Modeskizzen wirft sie mit raschen Strichen ihre Geschichte hin: „Abitur 1941, in Berlin. War Halbjüdin. Studieren? Ging nicht. Heiraten wollt’ ich. Ging nicht. Ein Jahr lang gab es noch die arisierte ehemalige Reimann-Schule; da habe ich Akt gezeichnet. Dann Rüstungsindustrie, Ankermotoren zusammensetzen und solche Sachen.“

Heirat nach dem Krieg, Scheidung 1950. Sie beginnt, Illustrationen und Vignetten für die Welt zu zeichnen. „Ich bin mit Zeichnungen da hingegangen, über die ich mich heute totlachen würde.“ Dann kam einer vom NWDR, Abteilung Fernseh-Versuchsprogramm. Ob sie Lust hätte, etwas mit Mode zu machen, gewissermaßen noch unter Ausschluß der Öffentlichkeit. Learning by doing: „Da müßte man ja schon bescheuert sein, wenn man es so nicht lernt. Wenn ich einen Mann gehabt hätte, der mich versorgte, hätte ich wahrscheinlich Tennis gespielt, wie meine Mutter. Hätte Hausmädchen und Kindermädchen gehabt. Da wäre gar nichts aus mir geworden.“ Wenn sie lacht, sieht sie plötzlich ziemlich jung aus.

Anfangs, in der Steinzeit der Modeberichterstattung, gleich nach dem Krieg, halten die Couturiers Fernsehen für eine recht vulgäre Sache. Für sie zählen ausschließlich wohlmeinende Presseberichte. So ist es unter Niveau, die Nobodys aus Deutschland zuzulassen, wenn in den Salons die Kundinnen und Stars auf goldenen Stühlchen balancierend bei Totenstille das Hochamt der nächsten Saison zelebrieren.

Der Ausweg ist die Nachtschicht. Ein Studio wird gemietet, Models werden gebucht, um einzelne, für wenige Stunden ausgeliehene Stücke der Kollektion in Szene zu setzen. In diesem klapprigen Studio entstand die Idee mit dem später endlos kopierten schattenlosen Weiß, das die Modelle pur zur Geltung brachte.

Später, als Prêt-à-porter die Haute Couture zur Seite schob, hat sich dann alles entwickelt. Die Schwierigkeiten blieben:

„Wir durften nicht hinter die Bühne, und ständig wechselten die Pressechefs. Morgens um sechs haben wir uns eingemauert auf dem Fleck mitten vor dem Laufsteg. Angst habe ich gehabt wie das Kaninchen vor der Schlange. Ich wollte einen guten Film machen. Der braucht ein Opening und eine Dramaturgie, ein tolles Finale. Und soll noch intelligent informieren.“

Alt sehen ihre Filme heute keineswegs aus, wie die Retrospektive im Museum in Großwandprojektion beweist; täglich kommt ein anderer Jahrgang an die Reihe. Stoff für Anekdoten für die Geehrte und Kameramann Gerd Thieme: Ach, war der gut damals, der Saint Laurent. Tja, der tolle Montana. Das war eine Wahnsinns-Schau, die der Mugler da gemacht hat. Aber die Leute haben die Klamotten ja gar nicht mehr wahrgenommen. Weißt du noch, dieser entsetzliche Pressechef von Dior?

Sie wollte sich nicht briefen lassen, sondern selbst Bescheid wissen. Dafür las sie das ganze Jahr über alles, was zu ihrem Thema gehörte, vom Branchenblättchen bis zur Herald Tribune. Unbestechlich wie sie zu urteilen, leistet sich heute kaum eine Korrespondentin. Dem Gros fällt es nicht im Traum ein, inserierende Designer durch Kritik zu verprellen; dicht geknüpft ist die Abhängigkeit zwischen der Branche und den Medien, so dicht, daß journalistische Unabhängigkeit etwa so aktuell ist wie der Cul de Paris. Sponsoren, die die Sendungen bezahlen, PR-Gefälligkeiten und Abstauber auf allen Seiten – das alles findet offenbar keiner mehr anrüchig.

Ach, Frau Hilke, ist sie oft gefragt worden, warum haben Sie bloß aufgehört? Nach dem Tod ihres zweiten Mannes Henri Regnier, 1988, brauchte sie ein Korsett, um durchzuhalten. Dann kam der Tag, da sie sich an ein Bild der fünfziger Jahre erinnerte: wie in den Salons die Grandes Dames von Harper’s Bazaar und Vogue auftraten, mächtige, kompetente, gefürchtete Zeitungsdrachen, alle nicht mehr taufrisch. „Da habe ich gedacht: Nee, das möchte ich nicht, noch als alte Schrunzel da...“

So hat sie den Schlußstrich gezogen. Schnörkellos, wie ihre Skizzen.

„Déjà vu“, Museum für Kunst und Gewerbe, Hamburg, bis 4. September; Katalog: Edition Braus, 224 Seiten, 49,90 DM