Anklagend hallt der Aufschrei des Zehnjährigen über den Strand: "Du bist schuld, wenn ich Hautkrebs kriege, Mama!" Mamas Gewissen ist so schlecht wie vor Jahren, als sie mal den falschen Weichspüler genommen hatte. Die Sonne knallt mit einem Sonnenbrandindex von mindestens Faktor 15 auf den mediterranen Strand. Die ganze Familie, ausnahmslos vom nordeuropäischen Hauttyp II (helle Haut, blond bis dunkelblond), ist zu einem UVB-Erythem verdammt. Denn die mittelmeerblaue Plastiktasche mit den Sonnenschutzmitteln im Wert von insgesamt ungefähr 180 Mark liegt zu Hause, vergessen im Badezimmer. Dabei enthielt die sorgsam gepackte Tasche einfach alles, was Wissenschaft und Forschung im Verein mit Kosmetik- und Pharmaindustrie zum Schutze aller Hauttypen ersonnen haben.

Vorbei die Zeiten, als ein ordentlicher Sonnenbrand noch zu einem richtigen Sommer dazugehörte. Damals hieß er auch noch nicht UVB-Erythem. Statt Mallorca-Akne sagte man einfach Hitzepickel und klatschte Penaten-Creme drauf. Inzwischen freilich haben die Wissenschaftler vor jeden Gang zum Strand den Gang in die Apotheke gesetzt. Hauttyp und Urlaubsziel müssen abgestimmt werden mit dem LSF, dem Lichtschutzfaktor und den verschiedenen UV-Filtern. Der Erwerb des richtigen Mittels setzt Grundkenntnisse und fachmännische Beratung voraus. Schon achtet der erfahrene Creme-Kunde bei seiner Wahl nicht nur auf den LSF, sondern auch darauf, daß er gemäß der COLIPA SPF Test Method bestimmt wurde.

Jeder weitere Schritt ins Reich der Experten führt den Laien und Sonnenhungrigen unrettbar ins Dickicht der Lehrmeinungen. Sind es wirklich nur die UVB-Strahlen, die uns mit dem malignen Melanom, dem "Krebs der Neunziger", überziehen? Oder haben die bis vor kurzem als vergleichsweise harmlos geltenden UVA-Strahlen indirekt genauso daran Anteil? Und was ist mit jenem Zusatz von Vitamin E, der noch in der letzten Badesaison als das Nonplusultra gegen Mallorca-Akne galt und nun als wirkungslos abgetan wird? Wie wirkt der "einzigartige Schutz durch natürliches Melanin", und was, bitte, ist der "exklusive Wirkstoffkomplex Heliotan"? Einige Experten propagieren derzeit statt der chemischen eher physikalische Lichtschutzfilter; die Mikropigmente gelten als hautverträglicher, werden aber von einer anderen Wissenschaftsrichtung verdächtigt, zu einer Verstopfung der Schweißdrüsen zu führen. Im Zuge der Verwissenschaftlichung des Sonnenöls folgen die einst mit lustigen Sonnen und fröhlichen Wasserbällen verzierten Tuben und Dosen immer öfter einem strengen Verpackungsdesign mit dem Charme von Migränemitteln. Statt flotter Werbesprüche sollen Beipackzettel mit imposantem Fachvokabular die Kunden locken, und die knackig braunen Sonnenmodels auf den Reklameseiten tragen von Saison zu Saison einen helleren Teint, zur Hebung der Volksgesundheit. Schon haben Umweltexperten des Bundestages vorgeschlagen, Sonnenschutzmittel künftig auf Krankenschein auszugeben, und Dermatologen von der Bochumer Ruhr-Universität haben einen Mikrocomputer entwickelt, der auf verschiedene Hauttypen, Lichtschutzfaktoren und Vorbräunungsgrade eingestellt werden kann und piepst, wenn der Sonnenbadende ein kritisches Grillstadium erreicht hat.

Also was tun? So lange im Schatten bleiben, bis die Wissenschaft eines schönen Sommers das ultimative Sonnenmittel präsentiert? Vergebliche Hoffnung, denn all die Forscherenergie wird ja gespeist aus unserem unablässigen Herumgewurstel zwischen Gesundheits-Angst und Schönheits-Wahn.

Ach, was hatten es die schönen Nackten bei Botticelli und Rubens doch gut mit ihrer schneeweißen Haut, die nie von einem UVB-Erythem gerötet wurde! Sabine Etzold