Von Laura Blumenfeld

Die zerknitterten Pullover und die Seemannsmütze machten das Mädchen mißtrauisch. Ganz plötzlich trug ihr Vater nicht mehr den üblichen Diplomatenanzug und war immer wieder tagelang verschwunden. „Ist Vati beim Angeln?“ fragte sie ihre Mutter.

Angeln ... In gewisser Weise ja. Fast dreißig Jahre später sah Pnina Herzog aus nächster Nähe, wie sich die Staatschefs von Jordanien und Israel am 25. Juli in Washington umarmten. Und da beschloß sie, ihrer Tochter die Wahrheit zu sagen. Vati, besser bekannt als Yaacov Herzog, ein israelischer Diplomat, war mit dem Senkblei unterwegs gewesen – auf der Yacht von König Hussein. Und er hatte versucht, den glitschigsten Fang an die Leine zu bekommen, den die Region zu bieten hat: Frieden.

Herzog hatte Israels Geheimverhandlungen mit dem jordanischen König 1963 lanciert. Sie trafen sich in London, im Büro von Husseins jüdischem Vertrauensarzt. Pnina, seine Witwe, und weitere Pioniere jener Gespräche waren nun dabei, als Premierminister Jitzhak Rabin nach Washington reiste, um König Hussein erstmals öffentlich die Hand zu reichen. Der Krieg war vorbei.

Die Verkleidungen – Golda Meir als Beduinin – konnten fallen. Die heimlichen Geschenke – Rabin überreichte Hussein einmal ein israelisches Galil-Gewehr – können jetzt offiziell ausgetauscht werden.

Wenn man nun in Washington den Eindruck hatte, Rabin und Hussein seien zwei alte, vertraute Freunde, dann vor allem deswegen, weil sie in gewisser Weise Freunde sind. Beim Dinner im Weißen Haus gab Rabin einen dezenten Hinweis. Etwa auf der halben Strecke seiner Begrüßungsansprache blickte er in Richtung Hussein und sagte sibyllinisch: „Ich werde keine Einzelheiten nennen – vor zwanzig Jahren –, aber ich glaube, der König weiß, was ich meine.“

Rabin spielte an auf ihre erste verzeichnete Begegnung im Jahr 1974. Keiner von beiden wird dieses Rendezvous bestätigen, auch nicht die späteren, die folgten. In der arabischen Welt galten Kontakte zu Israel lange Zeit als gesundheitsschädlich. Anwar el-Sadat, der erste arabische Staatschef, der einen Friedensvertrag mit dem jüdischen Staat unterzeichnet hatte, wurde von islamischen Fundamentalisten ermordet. Noch heute sind die Jordanier empfindlich, was ihre Vergangenheit mit Israel anbelangt.

„Die Begegnungen, die offiziell bekanntgegeben wurden, haben stattgefunden“, sagte ein Sprecher der jordanischen Botschaft, der namentlich nicht genannt werden wollte. „Die Geheimtreffen möchten wir nicht weiter kommentieren.“ Die Israelis in Washington aber erzählen, wie es war. Für den 69jährigen Mosche Sasson liegt das Intrigieren sozusagen in der Familie. Er sagt, sein Vater habe Husseins Großvater Abdallah schon 1936 getroffen – zwölf Jahre vor der israelischen Staatsgründung.

Sasson junior begann seine geheimen Reisen in den Königspalast 1951. Er überschritt die Grenze zu Jordanien nach Einbruch der Dunkelheit durch eine Öffnung in dem Zaun, der damals Jerusalem teilte. Ein Fahrer in einem braunen DeSoto mit dem Emblem der königlichen Krone wartete bereits auf ihn. Sie jagten über den Jordan, die ahnungslosen Soldaten winkten sie durch. In Amman, damals ein „ruhiges Dorf“, begrüßte Abdallah, in weiße Gewänder gekleidet, Sasson. Der trug seinen einzigen Anzug, den blauen von der Hochzeit. Gemeinsam aßen sie von silbernen Tabletts. Sasson erzählt, der König habe den Raum verlassen, sobald er und ein israelischer Kollege mit einem Unterhändler des Königs zu feilschen begannen. „Abdallah kam dann alle halbe Stunde zurück und meinte: Was, noch immer nicht fertig? Ich hätte alle Probleme in fünf Minuten gelöst“, erinnert sich Sasson.

Der Fahrer brachte ihn dann nach Mitternacht zurück zur Grenze. Einmal ging dem königlichen Gefährt in der Wüste das Benzin aus. Ein anderes Mal war Sasson schockiert, als er bemerkte, daß an der Grenze keine israelischen Soldaten waren. („Jordanien hätte in der Nacht ganz Israel einnehmen können.“) So ging es monatelang.

„Ich fragte den König, warum er das alles macht. Ich wollte ihn auf die Risiken hinweisen“, sagt Sasson, der später der erste israelische Botschafter in Ägypten werden sollte. „Abdallah hatte erkannt, daß die Verluste, die man in einem Krieg erlitten hatte, nicht durch einen weiteren Krieg wettgemacht würden.“ Doch er sollte nicht mehr lange genug leben, um die Früchte dieser Erkenntnis zu ernten. Am 20. Juli 1951, wenige Stunden bevor Sasson mit dem König zum Essen verabredet war, wurde Abdallah von einem palästinensischen Extremisten in der Jerusalemer Al-Aqsa-Moschee durch einen Kopfschuß getötet. Hussein, damals noch ein Teenager, sah, wie sein Großvater zu Boden sank.

Er ließ sich jedoch nicht abschrecken. Im Alter von 29 Jahren setzte König Hussein den Dialog fort. Die im Kriegszustand lebenden Nachbarn hatten gemeinsame Interessen. So versuchtenbeide, bemerkt Ascher Süsser, einisraelischer Jordanien-Forscher, den palästinensischen Nationalismus einzudämmen. Als sich Rabin und Hussein das erste Mal trafen, sollen die Politiker die Zukunft der West Bank diskutiert haben – ohne PLO.

Hussein war bereit, Risiken einzugehen, wenngleich nur diskret und unauffällig. Als der Pilot des Königs starb, ist Hussein angeblich selbst mit dem Hubschrauber an die Grenze geflogen, um israelische Politiker zu treffen. Er traf sie in Paris, in Golda Meirs Gästehaus in TelAviv, auf seiner Yacht in Akaba, im Mondschein in den Ruinen einer Kreuzfahrerburg. Die Kontakte hielten, abgesehen von kurzen Unterbrechungenin Zeiten der Kriege und der Krisen.

Nach dem Sechstagekrieg im Juni 1967 erklärte der israelische Verteidigungsminister Mosche Dajan öffentlich: „Jetzt ist es an Hussein, uns anzurufen.“ Aber Yaacov Herzog wartete nicht, bis das Telephon klingelte. Schon im September, drei Monate nach dem Krieg, saßen sie wieder beisammen.

1977, nachdem der rechtslastige Likud-Führer Menachem Begin die Wahlen gewonnen hatte und Premierminister geworden war, bemerkte Dajan einen Stimmungswandel Husseins: „Er hielt sich sehr zurück, zeigte keinerlei Charme oder Begeisterung, und die politischen Themen, die ich anschnitt, schienen ihn nicht sonderlich zu berühren“, schrieb Dajan später. „Er war kurz angebunden, seine Antworten auf meine Fragen gingen kaum über ein Ja oder Nein hinaus.“ Aber die Begeisterung kehrte wieder. Nach vielen Jahren gab es endlich ein Abkommen.

In Washington dabei war der 89jährige Avraham Daskal, ein Israeli, der Hussein das letzte Mal 1935 als Baby gesehen hatte. Abdallah hatte ihn eingeladen, um die Geburt seines Enkels zu feiern. Daskal überreichte als Geschenk drei Stapel Geschirr. Jetzt erst begegnete er Hussein wieder, auf dem Rasen des Weißen Hauses. Der König ergriff Daskals Hand und küßte ihn auf beide Wangen.

„Sie sehen vornehm aus, wie Ihr Großvater“, bemerkte Daskal. Er erzählte, er habe Abdallah mit Golda Meir in seiner Villa unweit des Jordans beherbergt. Daskal holte eine goldene Uhr hervor mit einem Isigne der Krone und dem arabischen Schriftzug „Abdallah“, die er Hussein zeigte. Es war ein Geschenk Abdallahs aus Anlaß seiner Krönungsfeierlichkeiten 1946. Hussein lächelte, ohne ein Wort zu sagen. „All diese Jahre...“, sagte Daskal. Und das Ticken der alten Uhr aus Abdallahs Tagen ist auch heute nicht zu überhören.