Von Günter Einhaus

Kennen Sie Temex? Wie Mond und Sonne über Ebbe und Flut gebieten, so kann der Mensch mit Temex über Telephonkabel aus der Ferne seine Heizungen, Saunen, Kaffeemaschinen, aber auch Industriemaschinen und Klimaanlagen steuern. Und noch mehr: Strom-, Gas- und Wasserzähler lassen sich mit dem Postdienst Temex (Telemetry Exchange) ablesen, Maschinen und Gebäude überwachen; alte oder behinderte Menschen können mit Körpersensoren und Tastern Hilfe herbeirufen.

Temex bedient sich der Data-over-voice-Technik. Eine Frequenzweiche an einem Ende der Telephonleitung transformiert die zu übertragende Information in Tonsignale von 38 000 bis 40 000 Hertz (Hz) und mixt sie unter die Sprache – unbemerkt von unserem Ohr, das höchstens Frequenzen bis 20 000 Hz wahrnehmen kann. In der Temex-Zentrale koppelt dann eine zweite Weiche die Fernwirkdaten wieder aus. Der Datentransfer ist in beide Richtungen möglich, so daß die Zentrale ihrerseits auch Steuerbefehle geben kann.

Soll die Temex-Zentrale überwachen, ob ein Einbrecher sich an einem Fenster zu schaffen macht, so reicht dazu eine digitale Ja-Nein-Information (1 Bit). Um festzustellen, ob die Leitung intakt ist, überprüft die Zentrale im Dreisekundentakt die Übertragungsstrecke, indem sie ein Prüfsignal losschickt.

Als der Temex-Dienst Ende 1988 an den Markt ging, erntete er Vorschußlorbeeren, auch in der Presse. Den meisten Bürgern ist Temex dennoch unbekannt geblieben, nicht zuletzt deshalb, weil das Marketing der Telekom die potentiellen Anwender nicht erreichte. Inzwischen ist es totenstill um Temex geworden: Spätestens Ende 1995 wird den Dienst das Ende ereilen.

„Wir haben keine Möglichkeit gefunden, der Dienst wirtschaftlich zu machen“, sagt Michael Ring, verantwortlich für Temex, mit einem Anflug von Traurigkeit. Ring hat sein Büro im fünfzehnten Stock der Telekom-Generaldirektion in Bonn Die Deutsche Bundespost hatte nach Auskunft von Michael Ring Hardware im Werte von 200 Millionen Mark gekauft und pro Jahr dann noch 70 Millionen in den Unterhalt des Dienstes investiert. Aber die Kostendeckung betrug noch nicht einmal fünf Prozent. Der einfachste Temex-Netzanschluß (TNA) mit zwei Schnittstellen kostete anfangs sechs Mark. In diesem Jahr zahlt der Kunde dafür 60 Mark. Ring: „Wir haben schor ein Drittel der Kunden verloren, die meisten sind allenfalls bereit, eine Gebühr von 25 Mark zu zahlen.“ Die Zahlen vom Dezember vergangener Jahres: 13 856 TNA plus 459 Leitstellen, betrieben von Firmen. Viel ist das nicht.

Seit die Telekom beschlossen hat, den Temex-Dienst auslaufen zu lassen, entwickelt sie gemeinsam mit mittelständischen Firmen sogenannte Migrationslösungen, also Lösungen für den Umstieg auf andere Verbindungen wie das ISDN (Integrated Services Digital Network), dessen sich bisher vorwiegend Betriebe und Behörden bedienen. Im ISDN lassen sich über einen Hauptanschluß, mithin über eine einzige Rufnummer, Sprache, Text, Daten und Bilder übertragen. Außerdem soll das Fernwirken mit dem paketvermittelten Datendienst (Datex-P), mit privaten Standleitungen sowie auf den guten alten Telephonleitungen möglich werden – auf letzteren dann eben ohne Data-over-voice. Damit sich die bisherigen Temex-Endgeräte auch weiterhin verwenden lassen, sind verschiedene Adapter entwickelt worden. Überdies erprobt die Telekom-Tochter De-TeMobil die Datenfunkdienste Modacom und Chekker: Ob zum Beispiel eine Pumpe in einem Klärwerk, gebaut auf der grünen Wiese, irgendwelche Mucken zeigt, läßt sich mit Funk noch am besten feststellen, denn es wäre zu aufwendig, dorthin ein Kabel zu legen.