Nach der ersten Begegnung mit Buenaventura Durruti meinte der Schriftsteller Ilja Ehrenburg, es sei unmöglich, "die Geschichte seines Lebens" zu schreiben, weil sie "allzusehr einem Abenteuerroman" gleiche. Hans Magnus Enzensberger hat es dennoch Anfang der siebziger Jahre mit seiner Collage "Der kurze Sommer der Anarchie" gewagt. Einer der von Enzensberger befragten Zeitzeugen war Abel Paz, Mitglied der anarchistischen Gewerkschaft CNT und als Jugendlicher 1936 an den Kämpfen in Barcelona beteiligt. Im französischen Exil hatte Paz begonnen, die Biographie des legendären, 1936 ermordeten Anarchisten Durruti zu schreiben. Sie erschien in Frankreich, Portugal, Großbritannien und – nach Francos Tod – 1977 auch in Spanien.

Noch einmal siebzehn Jahre hat es gedauert, bis die Edition Nautilus Durrutis Lebensgeschichte endlich dem deutschen Publikum vorstellt. Aber das Buch kommt keineswegs zu spät. Denn Abel Paz ist es mit seiner Untersuchung gelungen, dem Spanischen Bürgerkrieg als sozialer Revolution einen gebührenden Platz in der Geschichte einzuräumen und ihn damit vor einem falschen Zugriff zu bewahren.

"Der Mensch macht die Geschichte und ist zugleich ihr Produkt. Auch Durruti, wie jeder Mensch, dessen wesentliche Tugend darin besteht, sich selbst treu zu bleiben, unterliegt dieser allgemeinen Regel: Die Menschen machen die Geschichte, während sie zugleich ihre Kinder sind", schreibt Abel Paz im Vorwort zur spanischen Ausgabe 1977. Und diesem Wechselverhältnis wird er gerecht, indem er die Biographie Durrutis eng mit den Vorbedingungen und dem Verlauf des Spanischen Bürgerkriegs verknüpft.

In keinem Land der Welt war die Idee des Anarchismus so weit verbreitet wie in Spanien. Die anarchistische Gewerkschaft CNT hatte in ihren Hochzeiten über eine Million Mitglieder, über 500 000 Menschen begleiteten in Barcelona Durrutis Sarg und machten seine Beerdigung zu einer der größten politischen Manifestationen in der Geschichte Spaniens.

Die Gründe für den Erfolg des Anarchismus sind vielfältig: Bis zum Ersten Weltkrieg war die Iberische Halbinsel ein reines Agrarland, in dem sich archaische Gesellschaftsformen und ein Widerwille gegen jegliche Art von Zentralismus gehalten hatten. Als ökonomischer Gegenpol zu den überwiegend armen Regionen Spaniens entwickelten sich Kataloniens Industriezentren, vor allem die Provinzhauptstadt Barcelona. Daß sich die Arbeiter Kataloniens dem Anarchismus zuwandten, erklärt sich zu einem nicht unerheblichen Teil aus den Autonomiebestrebungen der Region.

In ihrer Organisationsstruktur war die 1910 in Barcelona gegründete anarchistische Gewerkschaft CNT streng den Prinzipien des Anarchismus verpflichtet: keine Beitragszahlung und keine Funktionäre (sie hatte nur einen bezahlten Generalsekretär). Da sie über keine Streikkasse verfügte, waren ihre Arbeitskämpfe zwangsläufig kurz, aber dafür um so heftiger. Nachteile wie Vorteile einer solchen Organisation liegen auf der Hand: Die CNT konnte wenig effizient sein, weil sie nicht in der Lage war, zentral und rasch zu reagieren. Und genau dieses Manko sollte ihr in den Kämpfen des Spanischen Bürgerkriegs zum Verhängnis werden. Auf der anderen Seite konnte sich eine Führungsclique, die nur auf ihre eigenen Vorteile bedacht ist, gar nicht erst herausbilden. 1922 entwickelte sich aus der CNT ein illegaler Arm, eine kleine Gruppe, die sich Los Solidarios nannte und mit Sabotageaktionen und Überfällen von sich reden machte. Mitbegründer und entscheidender Motor dieser Gruppe war Buenaventura Durruti, ein Mechaniker aus León in Kastilien.

Buenaventura Durrutis Leben gleicht tatsächlich einem Abenteuerroman, obwohl er alles andere als ein Abenteurer war. Geboren wird er am 14. Juli 1896 in León. Den Lehrern gilt er als "unartiges Kind, aber warmherzig und von edlen Gefühlen". Schon als Jugendlicher schließt sich Durruti der Gewerkschaft an; er wird als Rädelsführer bei diversen Streiks in der ganzen Region so bestellt. daß ihn bald kein Arbeitgeber mehr einstellt. Als Primo de Rivera 1923 die Macht ergreift, die CNT in den Untergrund geht, beginnt für Durruti und einige seiner Freunde ein achtjähriges Exil, das sie auf abenteuerlichen Wegen über Frankreich und Deutschland bis nach Kuba und Lateinamerika führen wird. In keinem dieser Länder ist Durruti vor Verhaftungen sicher, und überall gibt es sofort Ärger, wenn er eine Arbeit aufnimmt und gegen Ungerechtigkeit agitiert. Erst 1931, als in Spanien die Republik ausgerufen wird, können Durruti und seine Gefährten zurückkehren.