Wer Ernst Blochs Gesamtausgabe durchblättert, stößt auf zwei Widmungen, die einander ergänzen. Auf der ersten Seite der „Erbschaft dieser Zeit“ stehen anno 1962 die Worte „Meiner lieben Karola Piotrkowska“. Sechzehn Jahre später, 1978, beginnt das Buch „Tendenz – Latenz – Utopie“ mit dem Salz „Für meine Frau Karola, Mann und Werk vor den Nazis rettend“.

Karola also (1905 in Lodz geboren, am 31. Juli 1994 in Tübingen gestorben). Der Name genügte, und wenn etwas hinzugefügt wurde, dann war’s ein polnisches Wort, das an Lodz erinnerte, an eine Kindheit in großbürgerlichem Ambiente, an das Erlernen vieler Sprachen, an Grenzübertritt (das wohlbehütete Kind wird Kommunistin) und – dies vor allem – an die Ermordung einer Familie. Karolas Eltern, ihr Bruder und ihre Schwägerin wurden in Treblinka vergast, ein kleiner Neffe, Jerzy, im Warschauer Ghetto von seinem Vater fürsorglich auf die nichtjüdische Seite gebracht – vergebens. „Jerzy“, heißt es in ihrer Autobiographie „Aus meinem Leben“, „war eines Tages aus Sehnsucht nach der Mutter, die er besonders liebte, durch ein Loch in der Mauer wieder in das Getto zurückgekrochen und in die Wohnung seiner Eltern gerannt. Die aber war schon leer. Wahrscheinlich war die Familie Piotrkowski kurz vorher abtransportiert worden. An der Wand hing noch ein Photo der Mutter. Der Junge riß das Bild herunter, lief zu seinem Mauerloch zurück, um auf die nichtjüdische Seite zu entkommen. Dabei wurde er von einem SS-Mann gesehen und niedergeschossen.“

Karola Piotrkowska, Polin und Deutsche, Jüdin und Weltbürgerin, Kommunistin im Sinne ihres großen Vorbilds (Ernst Blochs Schrift „Experimentum Mundi“, wiederum einer Frau gewidmet, setzt, in der Form einer verpflichtenden Setzung, mit den Worten ein: „Dem Andenken Rosa Luxemburgs“)... Karola war eine Frau, die zwischen den Fronten stand, angefeindet von der militanten Rechten so gut wie von einer in brutaler Spießbürgerlichkeit erstarrten „Partei der Arbeiterklasse“. Statt sich anzupassen, hüben oder drüben, hielt sie unbeirrt an der Devise Rosa Luxemburgs fest, „keine Demokratie ohne Sozialismus, kein Sozialismus ohne Demokratie“, und gab ihre Meinung unverschlüsselt und couragiert zu Gehör. Taktieren war ihre Sache nicht, dafür stand ihr der Sinn zu sehr nach einem alleweil gradaus. Unter diesem Zeichen hat sie, eine Architektin, die mühsam lernen mußte, mit inches zu rechnen, in Amerika ihre Familie beschützt, einem Mann zur Seite stehend, der, dem Englischen immer ein wenig mißtrauend, mit dem von ihm ins Amerikanische übertragenen Ariübertragenen ataraxia, Unerschütterlichkeit (Bloch machte daraus ataraxation), die Haupteigenschaft seiner Frau bezeichnete. Sie ging immer voran, riskierte Kopf und Kragen, betätigte sich zur Hitler-Zeit von Wien aus als Spionin, bezeugte später, der Partei, die sie ausschloß. ihre Verachtung, deren Administratoren über einen Begriff wie „Wärmestrom des genuinen Marxismus“ allenfalls gelangweilt die Achseln zuckten.

Nein, leicht hat sie es, in ihrer Direktheit, die sich vielsprachig artikulierte, keinem gemacht – auch ihren Freunden nicht: Es kostete viel Überredungsarbeit, um sie endlich dazu zu bewegen, ihre Vita so ungeschützt zu beschreiben, wie sie, über die Jahrzehnte hinweg, gelebt worden war.

Aber dann, am Ende, ist sie doch milde geworden, kämpferisch immer noch, aber mit einer Spur von Weisheit und skeptischer Humanität. Und schön war sie auch, im hohen Alter, ungeschminkt und ganz sie selbst; Karola, eine Mutter Courage, die liebenswerter nicht zu denken ist. Walter Jens