HAMBURG. – Amalie Sieveking war nie Diakonisse, und doch gilt sie als Begründerin der weiblichen Diakonie. Vor 200 Jahren, am 24. Juli 1794, wurde sie in der Hansestadt geboren und wird hier von Kennern als großzügige Stifterin verehrt. Ein Krankenhaus und die Amalie Sieveking-Stiftung, die noch heute acht Altenheime betreibt, tragen ihren Namen. Doch eine Mäzenatin war sie nicht, dazu fehlte ihr schlicht das Geld. Viele halten sie für eine schwärmerische Mystikerin, ergriffen von der „heiligen Begeistung“, der ihr „Heiland im Lichte des Evangeliums“ erschien, eine „Erleuchtete“. In der Tat stand sie der pietistischen Erweckungsbewegung nahe, doch hat sie ihr Leben keineswegs in einer einsamen Klause im Gebet verbracht.

Sie war die Tochter einer angesehenen Kaufmannsfamilie. Vater und Großvater saßen im Senat. Die Eltern starben früh. Amalie wächst bei einer Pflegemutter auf. Sie bekommt eine schmale Pension für Senatorentöchter, ihr Taschengeld verdient sie sich mit Handarbeiten selbst.

Der Weg schien vorgezeichnet. Ein Mann würde sich wohl finden, um eine Sieveking zu versorgen. Doch Amalie blieb allein. Schon mit achtzehn zweifelte sie, ob die Ehe wirklich die „einzige Bestimmung des Mädchens sei“.

Die Alternative, die sich ihr bietet, kennt sie aus eigener Anschauung. Eine „alte Jungfer“ konnte sie werden – belächelt, verspottet oder gar verachtet. Von nun an beschäftigt sie die Frage, wie sie als weiblicher Single ihr Leben sinnvoll ausfüllen kann.

Sie unterrichtet, holt sich junge Mädchen ins Haus, bringt ihnen Lesen, Schreiben, Geographie, Geschichte bei und ist eine passionierte Religionslehrerin. Der Unterricht ist unentgeltlich und findet regelmäßig drei- bis viermal in der Woche statt; sie behält ihn bis kurz vor ihrem Tod bei. Zugleich entwickelt sie den Plan für eine „barmherzige Schwesternschaft“, konzipiert nach katholischem Vorbild, aber ohne das strenge Gelübde auf Lebenszeit, eine Art Lebensgemeinschaft unverheirateter Frauen. Daraus entstand später der Diakonissenorden.

Im Jahre 1831 bricht in Hamburg eine Choleraepidemie aus. Amalie ist entsetzt über das Elend in ihrer Stadt. Sie meldet sich zum freiwilligen Dienst im Krankenhaus und sucht nach anderen, die ebenfalls helfen wollen. Sie setzt einen „Aufruf an christliche Seelen“ in die Zeitung – für eine Frau zur damaligen Zeit höchst ungewöhnlich. Niemand meldet sich.

Der Mißerfolg entmutigt sie nicht. Sie geht allein ins Krankenhaus. Schnell erhält sie die Oberaufsicht über das gesamte Pflegepersonal. Ihre Sorge, „ob auch die männlichen Wärter meine Autorität willig anerkennen würden“, ist unbegründet.