Von Ulla Lachauer

Odessa? Natürlich! weiß der gebildete Westeuropäer, das ist die große Treppe mit dem Kinderwagen! Und er erinnert sich an eine der grandiosesten Szenen der Filmgeschichte, ein Drama von achteinhalb Minuten Länge, das eine quälende Ewigkeit dauert: Von der Höhe einer Freitreppe marschieren Kosaken. Sie schießen und metzeln die Flüchtenden nieder, Arbeiter, reiche Damen, kleine Jungen, einen Krüppel auf einem Brett – am Ende trifft eine Kugel die junge bleiche Mutter, der Kinderwagen mit ihrem Baby holpert die Treppe herunter...

Niemand, der Sergej Eisensteins "Panzerkreuzer Potemkin" gesehen hat, wird diese Szene und den stummen Schrei der Frau je vergessen. Der Film setzte einem Ereignis ein Denkmal, das Lenin später die "Generalprobe des Roten Oktober" nannte, und er erhob die Junitage des Jahres 1905 in den Olymp der Kunst, unsterblich – so Herbert Jhering – "wie die Ilias, wie das Nibelungenlied".

Eine Kinolegende prägte das Bild Odessas, überwucherte schließlich den Horizont der realen Stadt, die aus dem Erfahrungsbereich des Westlers herausgefallen ist, bis zur Unkenntlichkeit. Ein Treppenwitz, fürwahr, des 20. Jahrhunderts, den zu belachen und zu beweinen noch aussteht. Nichts in Odessa erscheint heroisch oder düster. Die wirkliche Begegnung mit der Stadt ist wie ein Traum. Wer durch ihre Straßen schlendert im Mai, unter Akazien und Platanen, ist verloren. Sie verzaubert den Fremden in der allerersten Minute. Wie in Paris! Oder Wien? Diese Häuserzeile könnte ebensogut in Triest stehen!

Odessas Gesicht ist verblüffend westlich. Aber nicht das macht die Anziehungskraft aus. Nicht, daß die Deribas-Straße den Champs-Elysees ähnelt. Es ist die Art, wie der Süden die Schönheit präsentiert, das Medusenhaupt durch die fächelnden Blätter der Akazien schaut, die korinthische Säule aus gelbem Muschelkalk ins Schweben gerät durch das Spiel von Licht und Schatten, der Boulevard erfüllt ist vom Duft der Jahreszeit. Die stinkenden, lärmenden Zweitaktermotoren werden zu Wesen von einem anderen Planeten. Aus den muffigen Souterrains steigen die jungen Schwarzhändler und rufen sich zu: "Paschli, gehen wir ins Casino Richelieu." "Luftmenschn", hätte man früher auf gut jiddisch gesagt.

Odessa kam als bürgerliche Stadt auf die Welt. Die Geschichte ungewöhnlich und einzigartig. 1789, in jenem weltgeschichtlich bedeutsamen Jahr, eroberten die zaristischen Truppen unter General Deribas die türkische Festung Jeni Dunia. Katharina die Große befahl, an dieser Stelle einen Hafen anzulegen. Am 22. August 1794 wurde der Grundstein gelegt für eine neue Stadt. Odessos sollte sie heißen, anknüpfend an eine griechische Kolonie der Antike, die man in der Nähe vermutete. Wenige Monate später, auf einem Ball, gefiel es der Zarin, den Schöpfungsakt um ein entscheidendes Detail zu korrigieren. Eine Tochter sollte es sein, ein Weib – es werde: Odessa.

Eine Stadt "ohne Kindheit", sagen die russischen Historiker, sie wuchs heran "wie ein Pilz nach heftigem Regen". Die ersten Siedler waren Soldaten der Garnison. Hinzu kamen Flüchtlinge aus dem Osmanischen Reich – Griechen, Armenier, Moldauer, Albaner, Bulgaren. Entflohene russische und ukrainische Leibeigene fanden hier Asyl und wurden frei. Mit Privilegien und dem Versprechen religiöser Toleranz lockten die Zaren besonders fähige Leute an – Juden, vorwiegend aus Galizien, Genueser, Portugiesen, Deutsche und Franzosen.

Einer der ersten Gouverneure war ein französischer Emigrant: der Herzog von Richelieu, ein Großneffe des berühmten Kardinals. Er gilt als Stadtgründer im eigentlichen Sinne. Unter seiner Ägide (1803-1814) nahm Odessa, das "bis dahin eher einer Piratenkolonie glich", Kontur an. Ein Masterplan gab einen großzügigen Rahmen vor, die Anlage der Häuser war dem Willen und der Phantasie der Bürger überlassen. Anders als St. Petersburg, das sich nach der Idee eines Herrschers formte, entstand Odessa im Wettbewerb vieler Ideen. An den Gestaden des Schwarzen Meeres wehte der Wind der Französischen Revolution. In Novorossija, wie die neue Provinz sich nannte, war das alte Rußland Vergangenheit.

Odessas Bourgeoisie lebte vom Export des Getreides aus der bessarabischen Steppe und einem ausgedehnten Handel mit dem gesamten Mittelmeerraum. Auf den Straßen der jungen Stadt wurden Geschäfte auf italienisch getätigt. Die erste Zeitung, das Journal d’Odessa, erschien in französischer Sprache. "Odessa ist eine europäische Stadt", schrieb Puschkin, "deshalb gibt es hier keine russischen Bücher." Der Dichter verbrachte hier (1823/24) die angenehmsten Monate seiner Verbannung.

"Ich lebte damals im Getümmel

Odessas, dieser staub’gen Stadt,

Die viel Verkehr, viel heitern Himmel

Und einen lauten Hafen hat.

Dort wehen schon Europas Lüfte,

Dort streut der Süden Glanz und Düfte,

Pulsiert das Leben leicht beschwingt;

Italiens holde Sprache klingt

Auf allen Straßen; hier Slowenen,

Dort Spanier; Frankreich, Griechenland

Hat reiche Kaufherrn hergesandt,

Armenier feilschen mit Rumänen;

Selbst aus Ägypten stellt sich dar

Held Mor-Ali, der Ex-Korsar."

Ausländische Gäste, die sich vom Meer oder von der Steppe aus näherten, waren verblüfft. Eine "Fata Morgana"? Das soll Rußland sein? Diese Oase der Kultur, die Ungezwungenheit des Verkehrs hoher und niedriger Stände, das Polyglott der Caféhäuser? Wo sonst durften Damen – auf offener Straße – kleine Zigarren rauchen und der Offizier in nicht zugeknöpfter Uniform umhergehen? Odessa war die freieste Stadt im Zarenreich, und sie streute großzügig den Bazillus aus, sogar nach Westen: Von hier organisierte die griechische Hetairia den Befreiungskampf, unterstützten italienische Clubs den verwegenen Garibaldi.

Diese Geschichte ist sichtbar noch, und das Verrückte, Unerwartete ist: Sie ist lebendig. Während man auf dem Newskij Prospekt in St. Petersburg nie das Gefühl ganz los wird, die Passanten spazierten in einer ihnen fremden, zu pompös geratenen Stadt, scheinen hier Mensch und Raum eins zu sein. Odessa und die Odessiten, scheint es, hat man nicht trennen können. Über dem Schlangestehen haben die Damen das Flanieren nicht verlernt. In der Passage der Jahrhundertwende, wo noch überwiegend Waren sowjetischen Charmes feilgeboten werden, bewegen sie sich mit Grandezza. Wie selbstverständlich sprechen sie von "unserem Palais Royal", das niemand, selbst zu Stalins Zeiten nicht, "Charles-Darwin-Anlage" genannt habe. Im Opernhaus nebenan, einer Kreation des Wiener Architektenbüros Fellner & Helmer, lustwandeln allabendlich südliche Schönheiten von lasziver Eleganz. Die "Carmen" auf der Bühne ist ein Bauernspektakel gegen die gewagten Auftritte der jungen und alten Odessitinnen in den Wandelgängen und Logen.

Nein, die italienische Makkaronifabrik gibt es nicht mehr, auch nicht die französische Sioux-Schokolade, die die Zarentöchter so liebten und das jüdische Bürgerkind Nathan Milstein, der ein begnadeter Geiger wurde. Ja, das Geigen ist noch immer populär und gilt nach wie vor als probates Mittel, fortzukommen in die weite Welt. Ansonsten ist Odessa die drittgrößte Stadt der Ukraine, und die 1,2 Millionen Einwohner teilen deren Sorgen – Hyperinflation und Staatsbankrott, Benzinknappheit und Arbeitslosigkeit, Seuchengefahr und Seelennot.

Trotzdem – ein Odessit, befragt nach den Bedrückungen der Zeit, antwortet Fremden für gewöhnlich mit einem Satz über Odessa. Als ich wissen will, wie es mit der Demokratie steht, verweist er auf die beglückende Tatsache, daß Odessa mehr Sonnenstunden genießt als Sotschi. Der Direktor des Instituts für Selektion und Genetik, angesprochen auf den berüchtigten Lyssenko, dessen Name gerade von der Front des Gebäudes gelöscht wurde, rühmt die "einzigartige, Odessa-typische Kollegialität" in seinem Hause. Die Schriftstellerin, deren Mann noch in den achtziger Jahren als Dissident verhaftet wurde, möchte nicht davon erzählen, sondern von Gogol. "Stellen Sie sich vor, unter dem Einfluß Odessas hat der Finsterling vom Lande den zweiten Teil der ‚Toten Seelen‘ verbrannt!" – "Odessa", lächelt der Kriegsveteran, "ist die hellste Stadt auf dem ganzen Planeten." Ich hatte ihn gefragt, wie ihm zumute war, als er nach der Befreiung 1944, nach Jahren der Dunkelheit und Kälte, sein Versteck in den Katakomben verließ.

Den sowjetischen Machthabern, erzählt man, war Odessa trotz seiner revolutionären Meriten verdächtig. Ein Odessit, das war ein Mensch von undefinierbarer nationaler Zugehörigkeit, politisch nicht ganz verläßlich, extravagant und zugleich altmodisch in seiner komischen Affenliebe zu seiner Heimatstadt. Nichtsdestoweniger genoß die Beargwöhnte im ganzen Imperium allgemeine Bewunderung. Es war die Traumstadt süd- und westsehnsüchtiger Sowjetbürger. Michail Zwanietzky, der jüdische Humorist, brachte sie alle zum Lachen, und Moskau legte größten Wert darauf, daß der lustige Odessit und Don Juan in der Hauptstadt wohnte. Wohin sonst, wenn nicht nach Odessa, hätten Wladimir Wyssotzki und seine französische Braut, Marina Vlady, ihre Hochzeitsreise machen sollen? Für sie, das heißt die Stadt, schrieb der wilde depressive Sänger ausnahmsweise ein heiteres Lied. Man kennt übrigens mehr Lieder über Odessa als über Moskau. Angeblich gehen sie im Wodkarausch leichter von der Zunge. "Ach Odessa, du bist die Perle des Schwarzen Meeres."

Eine bezeichnende Episode aus der Stadtgeschichte, erlebt und überliefert von Konstantin Paustowskij: Es war 1921, im Frühjahr. Denikin und die Weißen waren abgezogen, die Sowjetmacht noch schwach, die Blockade der ausländischen Interventen dauerte fort. Die Hafenmolen waren mit duftender gelber Kamille überzogen, die Odessiten hungerten. Da kreuzte vor der Küste ein alliiertes Geschwader. Ein italienisches Torpedoboot, das als Aufklärer vorgeschickt wurde, lief auf eine Mine. Auf Weisung des roten Gebietskomitees kamen Odessas Fischer zu Hilfe. Sie retteten die Überlebenden und bargen die Toten. Per Radioprogramm wurde dem Admiral des Geschwaders mitgeteilt, die Stadt werde selbstverständlich das Begräbnis ausrichten. Zehntausende gaben den Italienern die letzte Ehre. Die Frauen weinten, die Kirchenglocken läuteten, Chopins Trauermarsch erklang, Blumenpyramiden türmten sich auf dem Massengrab. Im Café "Fanconi" richtete man ein Abendessen für die ausländischen Seeleute aus, das die eiserne Lebensmittelreserve der Stadt verschlang. Gerührt von dem Edelmut der Feinde, verzichteten die Alliierten auf das geplante Bombardement und verschwanden in der kupferfarbenen Dämmerung, Richtung Konstantinopel.

Der unblutig gewonnenen Schlacht folgte ein ruhiger Sommer. Die "Zeit der großen Erwartungen", wie sie Paustowskij in seinen Memoiren nennt. In Odessa schlug, bevor die Bolschewiken zu wirklichen Machthabern wurden, die Stunde der Weltliteratur. Der Schriftsteller arbeitete seinerzeit in der Redaktion des Morjok, einer mehrsprachigen Zeitung für Seeleute (gedruckt auf Teebanderolen aus der Zarenzeit). Darin erschien eines Tages eine kleine Erzählung unter dem Titel "Der König". Sie war unterzeichnet: "I. Babel". Damals fand sich ein Kreis junger Dichter zusammen – der verträumte Ilja Ilf und Jewgenij Petrow (später ein glänzendes Satirikergespann), der fröhliche asthmatische Eduard Bagritzkij, Paustowskij als Zugereister und ein genialer Stilist namens Isaak Babel. Er war der Mittelpunkt der kleinen lesenden, disputierenden Gesellschaft. Um ihn saßen sie herum – im "Klub", am "Österreicherstrand" oder in einem halbzerstörten Sommerhaus am Rande der Steppe. Babel erzählte vom Bürgerkrieg in Galizien, unter dessen Schock er noch stand, vom spöttischen Lächeln Budjonnys und tollen Kavallerieattacken. Er dozierte über die herzergreifende Wirkung eines "richtig gesetzten Punktes". Er schwärmte den Kollegen von Paris vor und seinem Besuch bei dem kranken, verehrten Maupassant. Odessa, verkündete er, sei die Stadt in Rußland, die einzige, "wo unser nationaler Maupassant geboren werden kann, den wir so notwendig brauchen". Und die Odessiten seien der geeignete Menschenschlag für eine "süße Revolution" ohne Terror und Tod, wie geschaffen für eine zukünftige "Internationale der guten Menschen".

Babel hatte sich in diesem Sommer in der Moldowanka einquartiert. Dort, wo er 1894 geboren war – in der Welt der armen Leute, der fliegenden Händler und Ganoven, der Bettler und Huren; Musikanten und Talmudschüler. In dem Milieu, wo solche Träume wuchsen, jene paradoxe, leidenschaftliche Hoffnung, die auf den Messias setzte und zugleich auf das bolschewistische Paradies. Hier fand Babel die Figuren seiner "Geschichten aus Odessa", Benja Krik und seine verwelkte Schwester, Froim Grätsch und Ljubka Schneewais, genannt "Kosak", und sich selbst, den neunjährigen, durch den Pogrom von 1905 traumatisierten jüdischen Jungen.

Wer sich heute in der Scholem-Aleichem-Straße Nr. 6 nach Benja Krik erkundigt, dem schreien die kleinen Jungen in die Ohren: "Der König! Der König der Moldowanka!" Jedermann kennt Isaak Babel, seine Geschichten und Leute, die angeblich fast so sind wie die vor siebzig Jahren Portraitierten. In den Hinterhöfen des Viertels vermodern die hölzernen Laubengänge, stinken die Luftklosetts zum Himmel. Die Moldowanka versinkt, schneller als die Abrißbirne ihr Werk tut und moderne Plattenbauten die Bewohner aufnehmen können. Ein paar Jahre noch kann man sie antreffen: die gewachsenen Gemeinschaften der Höfe und kleinen Gärten, mit ihren rauhen Sitten, mit drei, vier oder mehr Nationalitäten friedlich Tür an. Tür, mit einer eigenen, mündlich weitererzählten Geschichte unter jeder Hausnummer. In der Moldowanka kann man im Kleinen die odessitische Melange begreifen, die heutzutage und besonders in der Ukraine absolut exotisch ist. Für die Zentralisten in Kiew, für die Nationalisten in Galizien, für die russischen Separatisten auf der Krim oder im Donezbecken, für alle ist unverständlich: wie ein Mensch seine gesellschaftliche Identität als Stadtbürger definieren kann. Selbst in den Trabantenstädten ist dieses Bewußtsein stark. "Autofahrer", steht auf einem Transparent über einer Garage im jungen Viertel Tairowa, "denkt daran, wenn Ihr die Stadt verlaßt, Ihr seid Odessiten!"

Odessa ist relativ glimpflich davongekommen in diesem Jahrhundert. Nicht zuletzt hat ihm die rumänische Besatzung (1941-1944) manch fürchterliche Leiden erspart. Mit einer Ausnahme: Odessas Juden trafen die Zeitläufte mit voller Gewalt. Begonnen hatte es mit den Pogromen der Jahrhundertwende, mit Hunderten von Toten, Tausenden Verletzten und Zehntausenden, die flohen und in New York, an der Lower East Side, ihr "Klein-Odessa" gründeten. Die Revolution vernichtete die jüdische liberale Kaufmannschaft als Klasse. Unter Stalin wurde die jüdisch-kommunistische Intelligenz ermordet; auch Babel und die meisten Kollegen der südrussischen Dichterschule. Im Zweiten Weltkrieg ging die jüdische Gemeinschaft unter. Am 23. Februar 1942 wurde Odessa für "judenrein" erklärt. Die Rumänen hatten die 90 000 Juden Hitlers Sonderkommandos überlassen.

Nach Kriegsende wurde Odessa zu einem bevorzugten Refugium für die überlebenden Juden der ganzen Sowjetunion. Laut Zensus von 1959 sollen sich gut 100 000 eingefunden haben, wahrscheinlich waren es viel mehr. Doch das jüdische Leben war tot. Von den über siebzig Synagogen der Gemeinschaft, die einst (nach Warschau) die zweitgrößte des Zarenreiches war, existierte nur noch eine. Die Friedhöfe waren zerstört, religiöse Unterweisung nur im Untergrund möglich.

Für eine "Wiedergeburt" des Judentums schienen die Voraussetzungen günstiger als anderswo. Doch der Wunsch zu entkommen ist stärker als die Attraktionen der Freiheit und der wiedergewonnenen Synagoge. Nicht der Antisemitismus treibt die Juden, wenngleich er sich in diesem Frühjahr während des Wahlkampfes zum ersten Mal wieder gezeigt hat. Sie gehen, weil die Vergangenheit sie erschöpft hat und für ihre Nachkommen keine Zukunft in Sicht ist. Von den 40 000 Juden, die heute noch in Odessa leben, sind die meisten bereit zum Auswandern.

"Zibn mayl arum Odes brent der gihenum", behauptete vor hundert Jahren ein geflügeltes Wort. Was frei übertragen etwa bedeutet, die Strafen der Hölle gelten innerhalb der Siebenmeilenzone von Odessa nicht. "Lebn vi Got in Odes" war die weltliche Devise der hiesigen Juden. Heute hat die religiöse Bindung überhaupt keine Bedeutung mehr, ausgewandert wird nach der Speckseite und kulturellen Gelüsten. Auch wenn Erez Israel wartet und erfolgreich wirbt – es ist für die meisten nur ein Notquartier und eine Übergangslösung. Wer die Wahl hat, reist nach New York oder Berlin. Stadtgespräch ist die Karriere von Boris und Pawel, Besitzer des Ladens für Moden und Elektronik namens Berlin-Odessa. Sie richteten ihn ein vor ihrer Emigration nach Berlin, und sie kommen immer wieder zurück, mit einem dicken Mercedes, nach dem Rechten zu gucken.

Perestrojka auf odessitisch: Der Abschied vom Alten geht ziemlich pragmatisch vor sich, ohne heiligen Zorn und große Worte. Lenin steht noch, das Planetarium wird in Kürze wieder die Hauptkirche der Orthodoxen sein. Dior hat eine Filiale eröffnet, die Karl-Marx-Straße heißt wie früher Jekaterinenstraße, allerdings hat man einige Schilder abzumontieren vergessen. Neunzig Prozent der Bevölkerung haben sich dafür ausgesprochen, daß Odessas Hafen wieder porta franca wird. Man denkt in den großen alten Dimensionen, nicht weg von Moskau, auf Istanbul, Genua und Marseille zu. Nur wird davon der Topf nicht voll, ein Konzept und genügend Bewegungsraum für eine eigenständige Wirtschaftspolitik, die in West und Ost Vertrauen erweckt, gibt es nicht.

Auf dem Primorskij-Boulevard erholen sich die Odessiten in bewundernswürdiger Ruhe. Den ganzen Tag und die halbe Nacht pendeln unter dem Baldachin von Kastanien jung und alt zwischen Puschkins Denkmal und dem Richelieus. Seit 1826 steht der bronzene französische Herzog dort. In griechischem Gewande, die rechte Hand einladend ausgestreckt, überblickt er die Freitreppe und das Meer. Erstaunlicherweise hat ihm niemand je seinen Platz streitig gemacht. Cineasten, die genau hingesehen haben, wissen, er ist in der berühmten Szene von 1925 zweimal kurz zu sehen – als Statist.

In diesem August, zum bicentenaire, präsentiert Odessa sich hier, am historischen Ort, und die Odessiten hoffen darauf, daß die Welt sie wahrnimmt, wie sie selbst sich sehen. Daß die Treppe der Schauplatz war einer ganzen comédie humaine und heute Probebühne ist für zivile Rollen.

Wäre noch zu bemerken: Der letzte "aufständische Matrose" des "Panzerkreuzers Potemkin" ist 1987 im Alter von 104 Jahren in Dublin gestorben. Der jüngste Schauspieler in Eisensteins Film, das Baby im Kinderwagen, ist Physikprofessor geworden und lebt noch.