Von Maria Huber

Moskau

Swjeta war mit ihren Nerven am Ende. Das Söhnchen plagte sich mit den ersten Zähnen. Der Abwasch wartete schon den dritten Tag. In der Frühe gab es wieder keine Milch. Und zu allem Verdruß kam noch: Swjeta mußte zur Abtreibung. Sie wandte sich hilfesuchend an ihre Schwiegermutter. Die litt unter ihren Wechseljahren und fauchte: "Stell dich nicht so an! Ich habe 25 Abtreibungen hinter mir."

Bei ihrer ersten Abtreibung 1977 in Jakutsk mußte Swjeta noch Bettwäsche mitbringen. Narkose oder örtliche Betäubung waren zwar nicht verboten, aber es fehlte an allen Hilfsmitteln: "Es war grausam. Der Schmerz und der grobe Umgangston marterten bis in alle Hirnwindungen. Mehrere Frauen quälten sich in einem winzigen Behandlungsraum. Überall Blut." So rüde war die Politik: Der Staat, die Sowjetunion, brauchte Menschen. Wer nicht gebären wollte, sollte die Strafe der Obrigkeit am eigenen Leibe spüren.

Mit der Zeit lernten die Frauen, daß sie vom kostenlosen Gesundheitssystem keine Fürsorge erwarten konnten. Seit Ende der siebziger Jahre spielte es sich ein, dem Arzt oder der Ärztin wortlos einen größeren Schein in die Tasche zu stecken. Das hieß: "Geben Sie mir eine Spritze."

Über Familienplanung aufzuklären war in der Sowjetunion bis Mitte der achtziger Jahre verpönt. Planen war Staatsgeschäft. Das Land benötigte Arbeiter und Soldaten. Je mehr, desto besser. Frühe Eheschließungen waren deshalb zwar erwünscht, aber der Mangel an Wohnraum und Verhütungsmitteln reduzierte die Chancen auf privates Glück. Ehepaare, die mit Kind oder Großmutter in einem Zimmer lebten, mußten notgedrungen die Badewanne zweckentfremden – sofern vorhanden. Ehen wurden zum Alptraum. "Mit den Jahren begann ich zu erstarren, wenn mein Mann mich umarmte, ich dachte nur noch an die nächste Abtreibung", sagt Swjeta. Andere Frauen beschreiben es mit den gleichen Worten.

Rußlands Frauen um die fünfzig haben heute im Durchschnitt acht bis zehn Abtreibungen hinter sich – sofern sie nicht gleich nach dem ersten Abbruch unfruchtbar wurden. Doch so groß ihre Schmerzen waren, so selten berichten die Frauen von psychischen Krisen. Keine heimlichen Tränen, keine Trauer in den Wartefluren der überfüllten Abtreibungsbetriebe? "Ach was, das Ganze ist bloß ein Ärgernis", sagen die meisten. Je dreieinhalb Millionen ungewollter Schwangerschaften endeten 1991 und 1992 mit Abtreibungen. Rund zehn Prozent der Frauen waren noch keine zwanzig Jahre alt, über 3000 nicht einmal fünfzehn. Auf jede Geburt entfielen statistisch zweieinhalb Schwangerschaftsabbrüche.