Von Rüdiger Heimlich

Sex ist seit geraumer Zeit das häufigste Talk-Show-Thema. Es wird über Sadomasochismus, Bordellbesuche, die Beziehung zwischen Prostituierten und Freiern, die Psyche von Pornostars oder Sex im Alter gesprochen. Menschen schildern ihre Sexualpraktiken und -neurosen. Der heiße Stuhl des Talkmasters wird zur Couch des Psychotherapeuten: Mann und Frau beichten, gestehen, bekennen Intimes, Privates, Geheimes vor einem Millionenpublikum.

Rundfunkprogramme haben "die Würde des Menschen sowie die sittlichen, religiösen und weltanschaulichen Überzeugungen anderer zu achten", heißt es im Rundfunkstaatsvertrag. Der Sex-Talk verletzt diese Bestimmung nicht, er ist Geschmackssache. Aber es gibt Grenzen der Toleranz. Wo sie liegen, spüren Zuschauer und TV-Verantwortliche meist erst, wenn sie überschritten werden.

Das tat Britta von Lojewski in ihrer RTL-Sendung "Nachts". Das Thema hieß "Puffmutter". Eine Branchenkennerin gab Betriebsgeheimnisse kund: Es wurden Photos prominenter Zeitgenossen eingeblendet und ein Bonner FDP-Politiker als Gast ihres Etablissements identifiziert. RTL-Chef Helmut Thoma schickte Britta in die Wüste und entschuldigte sich bei dem Rufmordopfer.

In der Sat 1-Sendung "Einspruch" outete ein offensichtlich unter Drogeneinfluß stehender Strichjunge einen Diskussionsteilnehmer als einen seiner Freier. Die Sendung wurde gerügt, weil sie "gegen anerkannte journalistische Grundsätze" verstieß: "Einspruch" hatte vorher nicht geprüft, wer da aufeinander losgelassen wurde.

Aufsichtsgremien wie die Rundfunkräte oder Landesmedienanstalten können erst im nachhinein tätig werden. "Wir sind keine Medienpolizei", erklärt Dietmar Füger, der die Programmkontrolle der Niedersächsischen Landesmedienanstalt (NLM) leitet. Sie ist zuständig für RTL. "Wir können nicht 24 Stunden fernsehen. Außerdem dürfen wir vor Ausstrahlung nicht in ein Programm eingreifen. Da würden wir Gefahr laufen, Zensur auszuüben." Deshalb werden die Kontrolleure meist erst durch öffentliche Proteste alarmiert. Zur Zeit sind 22 Beanstandungsverfahren bei den Landesmedienanstalten anhängig, die meisten wegen Verstößen gegen den Jugendschutz, die Mehrzahl gegen RTL und Sat 1. Das muß nicht unbedingt für die anderen Sender sprechen. Sie werden von ihren Kontrollbehörden vielleicht nur wohlwollender behandelt.

Die bisher heftigste Mediendebatte löste "Reality TV" aus. Zuschauer waren abgestoßen von "Augenzeugen Videos", auf denen sich menschliche Tragödien abspielten: Unfallopfer, die qualvolle Schmerzen litten, verzweifelte Menschen, die ihren Selbstmord auf Band festhielten. Ins Haus flimmerten bluttriefende, brutale Szenen, in denen