Von Günter Metken

Wer im Musée Picasso nach Jean Clair fragt, stößt zunächst auf Ratlosigkeit. Der Chef des Hauses heißt Gerard Regnier und ist Conservateur General du Patrimoine. Jean Clair heißt er nur außerhalb des Museums. Diese Verdoppelung in den Museumsbeamten und den unter Pseudonym schreibenden Kunsthistoriker und Kulturkritiker hat schon oft für pikante Situationen gesorgt. So pflegte der aktive Kustos, bei dem sich Dynamik und Melancholie seltsam paaren, in Pamphleten die Kulturmaschinerie des Centre Pompidou zu unterminieren, die er doch selbst erfolgreich in Gang hielt.

Jean Clair, geboren 1940, Harvard-Absolvent und Doktor der Sorbonne, hat an der Ecole du Louvre Kunst des 20. Jahrhunderts gelehrt und leitet seit fünf Jahren das Picasso-Museum. Doch geht er in seinen öffentlichen Funktionen nicht auf. Gegen eine Kunst "ohne Metier" polemisieren, für Vergessene eintreten, "Scharlatanerie" (Beuys ist für ihn ein rotes Tuch) bekämpfen, vehement Stellung beziehen: All das gehört zu den Eigenschaften dieses persönlich ungemein umgänglichen Querdenkers, der einflußreiche Zeitschriften wie Chroniques de l’Art Vivant, Les Cahiers du Musée National d’art moderne redigiert hat und Anhänger wie Gegner in Fülle aufweist. Intellektuelle Neugier, Belesenheit und gründliche Kenntnisse rücken bei ihm das Kunstgeschehen in den komplexeren Rahmen der Epoche. Ihn faszinieren Physiognomik und Seelenkunde, Naturgeschichte, Anthropologie und die Rätsel und Verirrungen der Psyche, kurz: der leibseelische Habitus des Menschen, dessen Gefährdung und schließliche Auflösung ihm die Kunst des 20. Jahrhunderts exemplarisch vorzuführen scheint.

Jean Clair ist dieser Problematik in Ausstellungen und Katalogen nachgegangen, vor langen Jahren schon zusammen mit Harald Szeemann in der unvergessenen Ausstellung "Junggesellenmaschinen". Im Centre Pompidou, dessen Eröffnungsschau über Marcel Duchamp er betreute – und dazu nicht nur ein Werkverzeichnis, sondern bezeichnenderweise auch den Schlüsselroman "Victor" von Henri-Pierre Roche über Duchamps New Yorker Dada-Umkreis herausbrachte –, hat er engagiert Giorgio de Chirico, Magritte, Balthus und den späten Bonnard vorgestellt. In "Les Réalismes" (1980) wurde ohne Scheuklappen die Bandbreite figürlicher Kunst zwischen den Kriegen gezeigt; nicht nur Neue Sachlichkeit und Magischer Realismus in Deutschland, die er gut kennt, sondern auch die Entwicklungen in England (Stanley Spencer zum Beispiel), Holland, Spanien und vor allem Italien. So wie er die Landessprache fließend beherrscht, ist ihm auch der Fortgang von der Pittura metafisica zum faschistisch angehauchten Novecento vertraut. Schon damals, lange vor den jüngsten Querelen, wurden Bilder der inneren und äußeren Emigration mit Werken der NS-Kunst konfrontiert.

1986 bezog er in das große Wien-Panorama des Centre Pompidou neben den klassischen Sparten auch Wissenschaft, Technik und Psychoanalyse mit ein. Letztere stand drei Jahre später im Zentrum der Wiener Ausstellung "Wunderblock" zum 50. Todestag Sigmund Freuds, für deren ästhetischen Teil Jean Clair verantwortlich zeichnete. Der seit der Aufklärung laufende Versuch, dem Funktionieren der "Seele" auf die Schliche zu kommen und ihrer Inhalte habhaft zu werden, hat sich immer auch in der Kunst niedergeschlagen. Dies wurde letzten Winter von ihm in "L’Ame au corps" dokumentiert, einer Parallelführung von Kunst und Wissenschaft, deren Auseinandergehen Jean Clair als ebenso unheilvollen Riß der Moderne betrachtet wie die Trennung der Person von ihrem Schatten, ihrem – wie immer zerstörten – Abbild. Hier von heiler Welt zu reden wäre abwegig. Die Welt war wohl nie heil, doch solange sie ablesbar blieb, konnte versucht werden, mit ihr umzugehen.

Jean Clair ist in Italien ein Begriff. Seine Bücher über "Klimt und Picasso", die "Medusa" und die Streitschrift über den "Zustand der schönen Künste" wurden ins Italienische übersetzt. Ihm als Direktor traut man zu, die Kunst-Biennale von Venedig, die zuletzt nur noch wenige Zuschauer anzog, wieder attraktiv zu machen. Und zwar mit einer repräsentativen Ausstellung zum hundertjährigen Bestehen im nächsten Jahr. Angesichts der kurzen Zeit, der lähmenden Bürokratie und der lokalen Künstlerlobby keine leichte Aufgabe, die überhaupt erst lösbar scheint, seit der von der Fiat-Stiftung betriebene Palazzo Grassi für die Jubiläumsschau zur Verfügung steht.

Das Projekt ist anspruchsvoll: Die Kunst der letzten hundert Jahre soll zusammenfassend gezeigt werden, dabei auch wichtige auf den Biennalen seit 1895 gezeigte Werke. Der Zeitraum deckt sich mit dem Begriff der Moderne, mit Anfang und Ende der Avantgarden. Statt eines historischen Rückblicks will die Übersicht unter dem (Arbeits-) Titel "Identität/Andersheit" auf die Gesichts- und Körperdarstellung des Menschen abheben, das was früher einmal Portrait und Akt hieß und sich seither subjektiv verformt und verselbständigt hat, in freie Gestaltung übergegangen ist, ja auch diese verläßt und in Raumprojektionen à la Bruce Nauman, Bill Viola, Gary Hill die Grenze zwischen Ich und Anderem verwischt. Genau dieser Entgrenzung der Person ist Jean Clair auf der Spur. Anatomien, Körpervermessung (Kraniometrie), Paß- und Verbrecherphotographie, Bewegungsaufnahmen und Röntgendurchleuchtungen mit Antennen zum Spiritismus und zur Theosophie – auf all dies haben vor und nach der Jahrhundertwende Künstler reagiert: Degas, van Gogh, Thomas Eakins, der Picasso der "Demoiselles", Edvard Munch, Boccioni, Larionow, Léon Spilliaert, Duchamp, dann Medardo Rosso, Richard Gerstl, Arnold Schönberg. Das Ich ist nun "ein anderer", wie Rimbaud sagt, es ist nach den Worten von Ernst Mach unfaßbar geworden. Und tendiert zum Zeichen, oszilliert auf einer Ost-West-Achse, deren Umschlagplatz Venedig war, zwischen Ikone und Abbild. Das ist bei Kandinsky und Mondrian, Jawlensky und Malewitsch mitzuerleben, die Stalin-Ikonen von Filonow und den offiziellen Sowjetmalern schließen später daran an.