Die Deutschen schlossen ihn erst in ihr Herz, als er, von schwerer Krankheit gezeichnet, schon längst nicht mehr der alte Manfred Wörner war: der schneidige, forsche, machtfrohe und wortmächtige Ober-Atlantiker der CDU, der kaum ein Jahr, nachdem er 1982 Verteidigungsminister im ersten Kabinett Kohl wurde, sich unbegreiflich und unvergeßlich in der sogenannten Kießling-Affäre verhedderte.

Es war in Wahrheit eine Wörner-Affäre: Anhand bloßer Gerüchte hatte der Minister den Vier-Sterne-General Günter Kießling, damals stellvertretender Nato-Oberbefehlshaber, der Homosexualität verdächtigt, als „Sicherheitsrisiko“ vorverurteilt und an den Pranger der Öffentlichkeit gestellt. Es war, wie Rolf Zundel damals schrieb, „eine der widerlichsten Affären in der Geschichte der Bundesrepublik“.

Sie hat Manfred Wörner bis zum Schluß seines Lebens angehangen, und er hat es gewußt. Dabei hatte er doch seinen Rücktritt vom geliebten Ministerstuhl angeboten, den er – so ein Augenzeuge – im Oktober 1982 mit „unbändigem Stolz“ erklommen hatte; sein „mea culpa“ hatte er in den folgenden Jahren immer wieder werbend und büßend vorgebracht. Dennoch ist bis heute in den Augen vieler seiner Landsleute dieser Fleck auf seiner Weste nie ganz verschwunden.

Der Grund lag wohl weniger in der Neigung der Mediengesellschaft, Ereignisse in Klischees zu gießen. Eher schon lag er in dem Gefühl, das Kießling-Desaster sei kein Ausrutscher, sondern stehe für eine tiefe Unsicherheit des Mannes über und vor sich selbst. Wörners Intelligenz und Weitläufigkeit standen stets außer Frage. Aber seine Forschheit wirkte allzuoft aufgesetzt, seine Schneidigkeit immer etwas aufgepumpt, seine rhetorische Brillanz hatte stets ein Bühnenecho. Stand hinter seiner Freude an militärischen Verkleidungen – mal im Stahlhelm, mal in Fliegermontur, mal im Kampfanzug – der Wunsch, in verschiedene Rollen zu schlüpfen? War Wörner im Kalten Krieg ein Falke aus Überzeugung oder auch deshalb, weil er hier ein Gerüst fand, an dem er sich trefflich festhalten konnte?

Im vertrauten Kreis mit Freunden konnte Manfred Wörner locker und gelöst sein, in der Öffentlichkeit dagegen beeindruckte er oft mehr, als er überzeugte. Er spielte seine Rollen und wuchs doch in keine hinein. Der hochsensible Mann spürte auch im Erfolg stets die Möglichkeit des Scheiterns. Obwohl unbestritten der führende Sicherheitspolitiker seiner Partei im Bundestag vom Anbeginn der siebziger Jahre, international angesehen und geachtet auch von seinen politischen Gegnern, war er doch seiner Stellung im Verschiebebahnhof der Macht stets unsicher. Lange wußte er nicht, ob der Kanzler ihn mit dem begehrten Verteidigungsressort betrauen oder aber einem CSU-Mann den Zuschlag geben würde. Auch 1987, als sich ihm plötzlich die Chance eröffnete, nach Brüssel zu entkommen, ließ der Kanzler seinen Minister zappeln. Erst im Sommer, als sich Wörner in Kanada wieder einmal seiner Flugbegeisterung hingab, kam dann morgens um 8.30 Uhr der Anruf Kohls. Dreißig Minuten sprachen sie über die Pershing-Modernisierung, das zentrale Thema jener Jahre, ganze fünf Minuten über Wörners Kandidatur für das Amt des Nato-Generalsekretärs. Dann schließlich sagte Kohl Wörner zu, ihn offiziell für den Posten zu nominieren.

Wer ihm damals begegnete, als die Ernennung noch ausstand, spürte etwas von der Angst des Schwimmers, den Rettungsring zu verfehlen: Wörner wollte weg aus diesem Bonn der vielen Rollen, der vielen Fallen, der vielen Unsicherheiten. In dem Versuch des Nato-Partners Norwegen, das Brüsseler Amt einem früheren norwegischen Ministerpräsidenten anzutragen, sah er fast eine Verschwörung gegen sich selbst.

Er bekam, was er so inständig erstrebt hatte. Im Juli 1988 bezog er das Arbeitszimmer des Nato-Generalsekretärs in dem nüchternen, zweistöckigen Zweckbau, der die westliche Allianz in Brüssel beherbergt. Manfred Wörner hatte endlich die Rolle seines Lebens gefunden.

Es war ein Glücksfall für ihn, aber auch für das westliche Bündnis insgesamt. Denn mit dem sich abzeichnenden Zerfall des sowjetischen Reiches schienen auch die Tage der westlichen Abwehr-Allianz gezählt. „Imperien haben ihre Zeit, Bündnisse haben aber auch ihre Zeit“, erkannte Wörner damals. Sein bleibendes Verdienst liegt darin, den westlichen Sicherheitsklub souverän durch die Übergangszeit zwischen dem Kalten Krieg und dem ungewissen Frieden bugsiert zu haben. Das Bündnis streckte der Sowjetunion „die Hand der Freundschaft“ entgegen. Die Vereinigung Deutschlands konnte unter dem Nato-Dach vonstatten gehen, ohne Ängste im Osten auszulösen. Die in die Demokratie entlassenen Staaten Osteuropas, die in die Unabhängigkeit entlassenen Republiken der alten Sowjetunion wurden einbezogen in das Netz des Bündnis-Dialogs. Die Nato-Strategie wurde umgestellt von der Abschreckung eines Krieges auf das Management von Krisen.

Gewiß, vieles davon wäre auch ohne Manfred Wörner geschehen. Aber er war es, der immer wieder den Konsens erleichterte, der Anstöße gab, der mit der ihm eigenen Leidenschaft nach außen und nach innen für die Modernisierung seines Bündnisses warb. Und so wurde der einstige Einzelkämpfer zum Teamsprecher, der einstige Polarisierer zum Vermittler, der Politiker zum Staatsmann.

Dieser Wandel, gestand er einmal, überrasche auch ihn selbst. Sein Einfühlungsvermögen ließ ihn nicht nur bei den neuen Demokratien im Osten, sondern auch bei den gedemütigten einstigen Herrschern in Moskau den richtigen Ton finden. Da gab es nie eine Triumphgebärde, nie jene frühere Trimm-dich-Forschheit. Manfred Wörner hatte zu sich selbst gefunden.

Vielleicht lag dies am Wechsel vom Dienst an einer Partei und einer eigenen Karriere zum Dienst an einer Sache, auch an der Freude über die internationale Anerkennung, die ihm nun allenthalben zuteil wurde. Gewiß aber hatte es auch mit dem langen und schließlich tödlichen Kampf gegen die tückische Krankheit zu tun. Die Anzüge schlotterten um seinen dünnen Körper und schienen ihm doch endlich auf den Leib geschnitten. Wörner verschwieg den Darmkrebs nicht, der 1992 diagnostiziert worden war. Selbstmitleid kannte er nicht, Schonung ebensowenig. „Eine solche Krankheit“, gestand er freimütig, „verändert Ihre Perspektive schlagartig; Sie versuchen, das Wesentliche vom Unwesentlichen zu unterscheiden.“

Bis zuletzt blieb für ihn das Wesentliche die Glaubwürdigkeit seiner Nato – nicht als Selbstzweck, sondern als Grundbedingung künftiger Stabilität. „Wir sind das einzige funktionierende kollektive Verteidigungsbündnis dieser Welt. Wir sind der zentrale Faktor der Stabilität für Gesamteuropa. Diese Rolle kann man nicht nur beanspruchen, sondern muß konkret seinen Beitrag in Krisenlagen leisten.“ In der westlichen Hilflosigkeit gegenüber dem Morden und Brennen auf dem Balkan sah Wörner deshalb ein Gefahrensignal für die Zukunft der Nato überhaupt. „Ein zweites Jugoslawien“ wußte er, „überlebt die Nato nicht.“

Um das zu verhindern, unterbrach er im August 1993 seinen Klinikaufenthalt, um den Nato-Rat auf eine Resolution festzulegen, die Luftschläge bei Verletzung der UN-Sicherheitszonen in Bosnien androhte. Deshalb focht er auf dem Nato-Gipfel im Januar 1994, unmittelbar vor der nächsten Operation, um die Bekräftigung dieser Drohung. Deshalb suchte er Ende Februar den Nato-Konsens für das Sarajevo-Ultimatum zu sichern. Deshalb litt er fürchterlich, als dann im April die Uno den Nato-Lufteinsatz zum Schutz der Muslim-Enklave Goražde in letzter Minute abblies und damit die mühsam gewonnene Glaubwürdigkeit wieder verspielte. Und deshalb hoffte er so inständig, die Krankheit doch noch abzuschütteln und im September in Brüssel zurück zu sein.

Manfred Wörner wußte, daß die Zukunft der Nato noch nicht gesichert, daß das schönste und wichtigste Werk, das ihm sein Leben angetragen hatte, noch nicht getan war. Andere müssen das nun vollbringen. Aber dank seines Einsatzes wird es ihnen nun leichter fallen. Am 24. September dieses Jahres wäre Manfred Wörner sechzig Jahre alt geworden.

Christoph Bertram