Von Sergej N. Chruschtschow

Heute sterben in Deutschland nur noch knapp sechs von tausend Neugeborenen bei der Geburt, vor zwanzig Jahren waren es noch vierzehn. Mit einer perinatalen Mortalität, so der Fachausdruck, von 5,8 pro 1000 Geburten gehören die deutschen Geburtshelfer mit ihren Kollegen in Schweden und Finnland zur Weltspitze – aber auch mit der Zahl der geburtshilflichen Operationen wie Kaiserschnitt und Zangengeburt. Nur noch jedes dritte Kind kommt bei uns spontan auf die Welt.

Die Gründe führen die stolzen Geburtshelfer, die sich zur 50. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe in München versammeln, auf die Tatsache zurück, daß im Kreißsaal entbunden wird. Dennoch ließe sich die Neugeborenensterblichkeit noch verringern, meint der Amberger Gynäkologieprofessor Dieter Berg, wenn nicht ein Prozent der 800 000 werdenden Mütter um die Geburtskliniken einen großen Bogen machte, weil dort die Apparatemedizin Frauen um ihr Geburtserlebnis betrüge.

Da alle Geburtshelfer in Statistiken vernarrt sind, hat Dieter Berg jenen Kollegen, die lieber zu Hause oder in der Arztpraxis entbinden, eine schlimme Rechnung aufgemacht: Wenn alle deutschen Frauen mit einer risikofreien Schwangerschaft sich für die Hausgeburtshilfe entschieden, dann würden jährlich 800 Babys mehr an den Folgen der Geburt sterben und die perinatale Mortalität sich um eins pro tausend erhöhen.

Die Ursachen für die größere Gefährlichkeit jeder Geburt, die außerhalb der Klinik stattfindet, sind für Fachleute offensichtlich: Trotz eines risikofreien Schwangerschaftsverlaufs, über den sich dank der hochentwickelten Schwangerschaftsvorsorge bei uns rund die Hälfte aller werdenden Mütter freuen können, lassen sich Gefahren während der Geburt nicht ausschalten. Bei jeder zehnten Entbindung kommt es zu Komplikationen, die nur in der Klinik rasch beherrschbar sind. In der Hausgeburtshilfe sind der beste Geburtshelfer und die erfahrenste Hebamme hilflos, denn dabei lassen sich geburtsbeendigende Eingriffe nicht durchführen. Dann muß die Mutter zur Entbindung rasch in die Klinik verlegt werden. Dabei geht lebensrettende Zeit verloren.

Die Züricher Physiologieprofessorin Renata Huch hat in einer von der Schweizerischen Bundesregierung geförderten Studie festgestellt, daß ein Viertel aller im Haus begonnenen Entbindungen wegen plötzlich auftretender Komplikationen schließlich doch zur Geburt in die Klinik verlegt werden müssen. Hinzu kommt, daß die einzig zuverlässige Prüfung des Zustandes des Neugeborenen, die Messung des Säuregrades (pH-Wert) im kindlichen Blut, ergeben habe, daß zu Hause geborene Kinder allesamt "saurer" seien als jene, die in der Klinik zur Welt gekommen sind.

Doch im Streit um klinische Entbindung oder Hausgeburt wird mit der stumpfen Waffe der Statistik gekämpft. Einmal ist die Zahl der Hausgeburten in Deutschland zu klein und auf zu viele Entbindungsorte verteilt, die zudem noch höchst unterschiedliche und daher nicht vergleichbare geburtshilfliche Überwachungsmethoden anwenden. Das geht vom Abhören der kindlichen Herztöne mit dem Hörrohr bis zur elektronischen Überwachung. Auch der Zustand des Kindes wird in der Hausgeburtshilfe nach anderen Kriterien bewertet als in der Klinik. Zu Hause wird über das Aussehen des Neugeborenen, ob rosig oder bläulich verfärbt, anhand von Herzschlag und Atmung auf die Lebenskräftigkeit geschlossen. Dieses nach der amerikanischen Narkoseärztin Virginia Apgar benannte Verfahren lädt zur Subjektivität ein. Häufig spiegelt es mehr den von Berufs wegen nötigen Optimismus von Hebammen und Ärzten als den Zustand des Babys. Der von dem Deutschen Erich Saling eingeführte pH-Wert ist zuverlässiger und gestattet eine viel bessere Aussage über die zukünftige Entwicklung des Kindes.