Von Frank Barth

Luxemburg

Mit heulender Sirene rast der Gefangenentransporter heran. Die ersten Skinheads, fast alle einen bis zwei Köpfe größer und breitschultriger als die Luxemburger Polizisten, werden zum Wagen geführt, die Hände mit Plastikschnüren gefesselt. Bei jedem Festgenommenen, der durch die Seitentür des Transporters gedrängt wird, klatschen die Passanten begeistert Beifall. Manche spucken nach den Festgenommenen, eine alte Dame schwingt ihre Handtasche nach einem: „Die waren vor fünfzig Jahren schon mal hier. Von diesen Visagen haben wir genug. Die haben sich den falschen Ort ausgesucht.“

Ein Polizist zieht einen der Rädelsführer an den Füßen von den übrigen auf dem Boden Liegenden weg. Der Neonazi stöhnt auf. Der Uniformierte: „Du willst doch immer so ein starker Kerl sein?“ – „Ja.“ – „Dann kennst du doch gar keinen Schmerz.“ Einer seiner Kumpane weigert sich, sich auf den Boden zu legen. Ein Polizist fegt ihm mit einem Judotritt die Füße weg. Bevor der stiernackige Skinhead reagiert, hat ihn der schmächtige Gesetzeshüter schon auf den Bauch gedreht und ihm Handschellen angelegt. Gefesselt und geknebelt warten die Rechtsextremen auf den Abtransport.

Noch wenige Minuten zuvor knallten schwere Stiefel auf dem Asphalt, als die hundert deutschen Neonazis mit den roten Flaggen der „Freiheitlichen Arbeiterpartei“ vor die deutsche Botschaft in Luxemburg zogen. „Märtyrer für Deutschland – Rudolf Heß“, brüllten sie, „Blut und Ehre für Rudolf Heß!“ Doch die Luxemburger Polizei durchkreuzte ihren Plan, den diesjährigen Rudolf-Heß-Marsch im Ausland durchzuführen, im Handumdrehen.

„Wir machen hier keine langen Geschichten“, sagt Roland Genson, der Leiter des Sondereinsatzkommandos: „Bei uns haben Nazis nichts zu suchen.“ Der Polizeioffizier gibt ein Handzeichen. Seine Spezialtruppe verteilt sich auf zwei VW-Busse und mehrere Zivilwagen und jagt wieder durch die Stadt: An einer Bushaltestelle ist eine weitere Gruppe deutscher Rechtsextremisten gesehen worden. Die festgenommenen Skinheads bleiben, wie Sardinen aneinandergereiht, auf dem Bürgersteig liegen: dreißig Jugendliche mit stahlbeschlagenen DocMartens-Stiefeln, zugeschnürt mit weißen Schnürbändern, dem Erkennungszeichen der gewalttätigen Rassisten; darüber olive Kampfhosen der Bundeswehr und grüne oder schwarze Fliegerjacken.

Nicht nur die Polizei, auch die Bevölkerung kennt, kein Pardon: „Dreckiges Pack“, ruft eine alte Frau: „Seid froh, daß die Polizei hier ist!“ Ohne den haßerfüllten Blick von den am Boden liegenden Deutschen abzuwenden, erzählt sie von ihrem Mann, den die SS 1942 erschoß, und von ihren beiden Brüdern, die in einer französischen Widerstandsgruppe kämpften und getötet wurden. „Ich habe überhaupt nichts gegen Deutsche“, sagt sie, „aber daß jetzt wieder Nazis hierherkommen, das darf nicht sein.“ Eine andere Frau im roten Feiertagskostüm tritt nach einem Skinhead. Ein Polizist drängt sie vorsichtig zurück. „Ist ja gut“, beschwichtigt er sie: „Wir haben die Dreckskerle ja gefaßt.“