Von Carl D. Goerdeler

Mexiko-Stadt

Die Wahlen vom vergangenen Sonntag in Mexiko gingen aus wie das Hornberger Schießen. Alle Spekulationen über einen radikalen Bruch mit der autoritären Vergangenheit entpuppten sich als Wunschdenken einer kleinen, wenn auch lauten Minderheit; die Mehrheit der Mexikaner will offenbar „keine Experimente“. Der Kandidat der Partei der Institutionalisierten Revolution (PRI), die seit 1929 ununterbrochen über das Land herrscht, wurde mit 48 Prozent der Stimmen Wahlsieger. Ernesto Zedillo Ponce de Leön wird vom 1. Dezember an bis zur Jahrtausendwende als Präsident amtieren.

„El pueblo reclama mas no empuña“ – „das Volk klagt, aber unternimmt nichts“ –, schimpft Maria Linares, eine Matrone aus der Armensiedlung San José de Guadelupe, als hätte sie den Wahlausgang geahnt. Nur ein paar Meter weiter stehen die Honoratioren der PRI und runzeln die Stirn. Sie sind gekommen, um nach dem Rechten zu sehen – ob die Abstimmung im Wahllokal 5390 des Distrikts XVI am Stadtrand von Toluca ruhig verläuft. An diesem Morgen ist auch ein Team von Wahlbeobachtern des amerikanischen Jimmy Carter Center vor Ort, geleitet von Guatemalas früherem Präsidenten Vinicio Cerezo Arévalo.

Sind die drei transparenten Urnen, die graue für die 96 Senatoren, die grüne für die 500 Abgeordneten, die braune für den Präsidenten, leer und versiegelt? Ist die Wahlkabine aufgestellt? Liegt das Wählerverzeichnis vor? Sind die durchnumerierten Stimmzettel registriert?

Der Wahlvorstand, zwei Männer und drei Frauen, die durch Los bestimmt wurden, widmet sich gewissenhaft ihrer Aufgabe. Jeder Bürger muß seinen Wahlausweis, der einer Scheckkarte mit Photo gleicht, vorzeigen und seinen rechten Daumen mit brauner wasserfester Tinte markieren lassen. Die amerikanischen Wahlbeobachter sind beeindruckt von der organisatorischen Perfektion und von der gelassenen Ernsthaftigkeit, mit der die Mexikaner ihrer Wahlpflicht nachkommen.

Sieben von zehn wahlberechtigten Mexikanern sind zur Urne gegangen – eine ungewöhnlich hohe Wahlbeteiligung für das mittelamerikanische Land. Waren die Wahlen vom Sonntag sauber? Die große Mehrheit der nationalen und internationalen Beobachter bejaht die Frage, wenn auch mit Abstrichen. Im Vergleich zu früheren Abstimmungen – 1988 wurde Carlos Salinas de Gortari Präsident, nachdem der Wahlcomputer der Regierung „abstürzte“ – waren es möglicherweise die saubersten Abstimmungen, die Mexiko bisher erlebt hat. Denn nicht die Regierung, sondern ein unabhängiges Wahlinstitut zählte die Stimmen. Aber war auch der Wahlkampf fair? Sicher nicht. Die Staatspartei PRI und die mit ihr verfilzten Massenorganisationen und Medien spielten hemmungslos ihre Vormacht aus; die PRI hat zwanzigmal soviel Geld im Wahlkampf ausgegeben wie alle anderen Parteien zusammen, Gerüchte sprechen von mehr als zwei Milliarden Dollar.