Von Dimitrij Tultschinskij

MOSKAU. – In einer hiesigen Zeitung sehe ich das Photo der aus Deutschland abziehenden russischen Panzer. Der eine trägt ein Plakat: „Lebe wohl, Deutschland!“ Doch die russische Übersetzung unter dem Photo ist nicht ganz korrekt. Es ist eher frei mit „Alles Gute für Dich, Deutschland!“ unterschrieben worden. Aber „Lebe wohl“ wird meistens mit proschtschaj übersetzt. Und da steckt viel mehr drin. Denn dieses Wort, das im Russischen eindeutig auf einen Abschied ohne Wiedersehen hinweist, ist auch noch vom Verb „verzeihen“ abgeleitet. Langer Sprachausführungen kurzer Sinn von proschtschaj: „Verzeiht und auf Nimmerwiedersehen.“ Das auf dem russischen Panzer, wenn auch auf deütsch, ist mehr als ein Symbol, es ist ein Gelübde.

Am letzten Augusttag setzt sich der Rest der einst mächtigen „Westgruppe der Streitkräfte“ in Marsch gen Heimat. Ein Jahr vor der 50. Wiederkehr des Sieges über Hitlerdeutschland ist es aus und vorbei mit der Stationierung fremder Truppen auf deutschem Boden. Ein Grund zum Feiern, ganz gewiß, aber auch zum Nachdenken.

1945 waren es die Sieger, die auf dem Weißrussischen Bahnhof in Moskau aus Deutschland zurückkamen. Umjubelt und umweint vor Freude, Stolz und unermeßlicher Trauer zugleich. Nun schreibt man das Jahr 1994. Kommen die Nachkommen der Sieger voller Würde der erfüllten Pflicht zurück? Oder tragen sie die psychologische Bürde der Vor-die-Tür-Gesetzten? Die vielzitierte sensible russische Seele wird im heutigen Chaos hin und her gerissen. Manche Moskauer Politiker versuchen, sie vor den eigenen Karren zu spannen.

Die russischen Behörden bereiten für die Nachhut einen feierlichen Empfang vor. Parademarsch zum Kreml, Konzerte und Vorführung historischer Militäruniformen werden bemüht, den Kampfruhm zu beleben und Nationalstolz zu stärken. „Keiner hat uns besiegt, und niemand wird uns besiegen, solange wir uns selbst nicht erniedrigen“, schreibt die Armeezeitung Roter Stern.

Auch die Opposition pocht auf nationale Gefühle des angeblich erniedrigten Siegervolkes. Nur kommt sie aus der anderen Ecke und behauptet, daß Deutschland nach dem endgültigen Truppenabzug Rußland die kalte Schulter zeigen wird. So abwegig ist die Frage nach dem künftigen deutschen Kurs wahrscheinlich nicht. Gerade weil Deutschland weitgehend eifriger und effektiver als die anderen Weststaaten russische Reformen unterstützt hat. muß man sich fragen, ob die Intensität anhält, nachdem der letzte russische Soldat über die Oder gegangen ist. „Freund Boris“ setzt auf den „Freund Helmut“, vertraut ihm. Doch Wahlen können andere politische Figuren auf die Bühne bringen.

Rußland trägt vor allem selbst dazu bei, daß man sich, nicht nur in Deutschland, Sorgen macht. Beunruhigend sind der Schirinowskij-Effekt, unvorhersagbare Regierungsakte, zeitweise imperiale Attitüden im sogenannten nahen Ausland. Man kann nur beten, daß die Freunde Rußlands dennoch Geduld beweisen.