ZEIT ZUM ESSEN

Der Mann sieht aus, als sei ihm nicht wohl. Sein linker Unterarm liegt auf dem Tresen, der rechte Ellenbogen sucht wie ein Haken Halt an der orangefarbenen Plastikoberfläche. Der Mann krümmt sich in rhythmischen Abständen um die Leibesmitte. Quälend schiebt sich der Kopf auf die rechte Hand zu, die mit dem runden Kleingebäck ihrerseits dem Kopf entgegenstrebt. Der Zug donnert durch die westfälische Nacht. Es ist kurz vor Münster. Im Spiegel der schwarzen Fensterscheibe reißt der Mann den Mund auf, daß die Zähne freiliegen. Dann schließen sich die Lippen um das Rundstück, aus dem bei dieser Annäherung, wie um ihr zu entfliehen, seitlich eine braune, rötlich verschmierte Scheibe herausquillt.

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Wer auf Reisen geht, steht vor der Aufgabe, Raum und Zeit einer rauschhaften Veränderung zu unterziehen, gleichzeitig aber andere Komponenten des Lebens stabil zu halten. Bedürfnisse sind zu stillen. Schlafen. Essen. Reisen macht hungrig. Dankbar lasen wir deshalb, was der Verkaufschef der Abteilung Personenverkehr der Deutschen Bahn im vergangenen Herbst in der Zeitung Blickpunkt Bahn gesagt hat: „Der Speisewagen bleibt unser Basis-Service.“ Das war bei der Präsentation von McTrain in Frankfurt am Main. McTrain ist ein Pilotprojekt auf der Strecke Hamburg-Berchtesgaden, ein Projekt von Speisewagengröße. Im IC 724/725 fährt seitdem ein Waggon von McDonald’s, was auf den Fahrplänen mit einem kleinen m ausgewiesen ist.

Der Mann trägt einen grauen Zweireiher. Sein linker Oberschenkel ruht auf dem blauen Plastikpolster des Barhockers, während er das rechte Bein nach hinten durchstreckt, so daß der Mann quasi im Schlittschuhschritt vor dem Tresen schwebt. Das verleiht den Handbewegungen, mit denen er einen dunkelbraunen Ring aus dem Papier schält, gewisse Anmut. Flink steckt er den entblößten Kringel mit der Linken in den Mund, fährt gleichzeitig mit der flachen Rechten über die rechte Schläfe, wobei sich die vom Gel glänzenden Haare nach hinten legen. Prüfender Blick in den Spiegel. Tadellos.

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Der gute alte Speisewagen atmete den Odem des Herrn. Zigarrenduft, selbst im Nichtraucherbereich. Clubatmosphäre lag schwer über breiten Samtpolstersesseln, und der weiße Damast stand hemdbrustschwer dazwischen. Geduldig warteten, mit schlanker Taille, Pfeffer und Salz. Dann flog die Tür auf, und die Mannsbilder strolchten herein mit jener schulbubenhaften Lässigkeit, die einem dreiteiligen Anzugset nur der gelungene Geschäftsabschluß verleiht. Unter dröhnendem Gelächter wurden Jägerschnitzel zerlegt. Gute alte Zeit.