Von Hans Pleschinski

Es war nicht gerade die feine Philosophenart, mit der Voltaire seine Brieffreundin Katharina die Große zum Fronteinsatz gegen Mustapha III. anstachelte: „Zeigen Sie sich nur Ihren Truppen bei Kiew oder noch weiter südlich, und ich garantiere Ihnen, daß es keinen unter Ihren Soldaten gibt, der nicht ein unbesiegbarer Held würde. Sollte Mustapha sich unter seinen Leuten zeigen, er machte aus ihnen nur große Schweine, wie er selbst eins ist.“

1770, als Voltaire dies schrieb, schien das Osmanische Reich in Agonie zu liegen. Vorbei waren die Zeiten, in denen türkische Admirale die Seemacht der Genuesen und Venezianer im Mittelmeer zerbrachen, in denen Kara Mustapha drohte, von Wien aus Mitteleuropa dem Islam zuzuführen, in denen die orientalische Großmacht Schrecken, jedoch auch Staunen hervorrief. Von der Belagerung Wiens bis zum Ersten Weltkrieg schrumpfte die türkische Macht, wanderte sie immer mehr auf Konstantinopel zurück? Es war ein jahrhundertelanger Prozeß, der am selben Ort schon einmal der Weltmacht Byzanz widerfahren war.

Durch wahre Berichte über Kinderraub an europäischen Küsten, die bluttriefende Rechtsprechung, durch bloße Legenden flößte die osmanische Welt während ihrer Expansion vom Kaspischen Meer bis Tunis, von Bagdad bis in die Theiß-Ebene begreifliches Grauen ein. Erst als Janitscharenmusik auch Rückzug vermeldete, türkischer Kaffee am Kahlenberg zurückblieb, ließ sich Europa zu einer Türkomanie oder Häme herab.

Sechsunddreißig Sultane und Kalifen, von denen Osman I. Ghasi aus Kleinasien vordrang und von denen der letzte 1944 am Tag der Befreiung von den Deutschen im Pariser Exil starb, zählte die morgenländische Dynastie, deren Name im Westen zu Ottomanen zurechtgestutzt wurde. Nicht den forschen Eroberern und schwungvollen Bauherren der Stambuler Moscheen ist das neue Geschichtswerk des Briten Alan Palmer gewidmet, sondern den vielleicht noch interessanteren Herrschern, die in der Defensivposition agierten, reformierten, Anpassung und türkische Eigenwege suchten: Mahmut II., der Rätselhafte, der durch ein Massaker die traditionalistischen Janitscharen beseitigen ließ; oder Abdülhamit, der sich um 1900 in der Palastanlage von Yildiz durch den Seher Abdul Hauda al-Sayyadi aus Aleppo beraten ließ.

Alan Palmers anschauliche Arbeit beschränkt sich nicht bloß auf diese absoluten weltlichen und geistlichen Oberherren, die in ihrer Persönlichkeit und ihren Beweggründen für den westlichen Betrachter weiterhin etwas exotisch bleiben. Das Buch bindet sie ein in die Analyse des Staatssystems, in dem Imame und Sultansmütter, nach Unabhängigkeit drängende Paschas von Ägypten, Syrien, Albanien den Gang der Geschehnisse mitdiktierten.

Die Türkei entfremdete sich ihren islamischen Mitvölkern, indem sie es, vor allem militärisch bedrängt, in mehreren Anläufen unternahm, westliches Know-how für Kriegsführung, Verwaltung, das Bildungswesen für sich zu nutzen. Diese Verwestlichung, mit massiven Gegenbewegungen, war ein schwieriges Unterfangen für Sultane, die im Serail-Käfig aufwuchsen und plötzlich Weltpolitik bestimmen sollten. Es geriet zu einer divergierenden Entwicklung für die Vertreter von zehn Nationalitäten, etlichen Religionen, die schließlich – oder schon – 1840 im ersten osmanischen Parlament zusammenkamen: Griechen, Bosnier, Serben, Juden... Bis zur rein türkischen Revolution Kemal Atatürks, dem republikanischen Neubeginn in Ankara nach dem Desaster im Ersten Weltkrieg an der Seite der Mittelmächte, war Konstantinopel der Sumpf, die Metropole, der Intrigenplatz, wo europäische Glücksritter eintrafen, wo französische Bankiers mächtig wurden, wo unser Helmuth von Moltke zum höchst faszinierten Berater von Großwesiren und Effendis wurde. Moltkes Reisebeschreibungen, erschienen in der Edition Erdmann, bleiben einer der frischesten Zugänge zur osmanischen Welt von 1850.