Von Peter von Matt

Er hielt auf Rang in jeder Beziehung. Auch was seine Gegner betraf. Zu den prominentesten zählten Nietzsche, Freud und der Tod. Auch Napoleon nahm er persönlich. Er trank nur den Cognac, der dessen Namen trägt, um mit jedem Schluck den Verabscheuten ein Stück weit zu vernichten. Es war ihm ernst damit, und er wußte zugleich sehr wohl um das Komödiantische dieses Rituals. Alles Denken war für ihn ein mimisches Ereignis, den Regentänzen der australischen Aborigines ebenso verwandt wie dem Treiben Nestroys auf der Wiener Vorstadtbühne oder dem schreienden, flüsternden, schluchzenden, singenden Karl Kraus. Dieser war sein schwierigster Feind, weil er ihn einst als Gott besessen und verehrt hatte.

Daß die Götter, die man umbringt, weiterleben, ist eine alte Erfahrung. Sie holen die Abtrünnigen zurück, nach Jahren stolzer Unabhängigkeit, und weiden sich am Kniefall, oder aber sie hausen als Dämonen im Keller, und man hört sie poltern in der Nacht. Canetti versuchte den Dämon Kraus in seinem Leben zu bannen, indem er immer wieder den Moment des Abfalls schilderte: wie er ihm unter der Tür, vor der Nase, ein Heft der Fackel zerrissen und vor die Füße geworfen habe. Aber er zollte ihm auch den Tribut der Imitatio, indem er die bannende Wirkung des schreienden, flüsternden, schluchzenden, singenden Karl Kraus in seinem eigenen Rezitieren wiederholte und so etwas von dessen verschollener Präsenz in die Gegenwart hinein rettete.

Er war ein Weiser und ein Kobold zugleich. Denn nur als dieser konnte er jener sein. Wer seine Weisheit spielen muß, szenisch, muß auch in immer neue Kleider fahren, immer neue Masken überziehen, mit immer andern Stimmen reden. Jeder bedeutende Gedanke wird zu einer Figur, die man hört und sieht, vor der man erschrickt oder über die man lacht. So stand er als Kobold im Dienst des Weisen, der er gleichermaßen war. Es gab für ihn nur Körper und Worte. Die Worte waren körperhaft; die Körper hatten die Beschaffenheit von Sprache. Er erlebte die Wörter aller Sprachen der Welt nicht anders, als er die Tiere erlebte. In diesen schien ihm die Erde zu reden, der geschändete Stern. „Er denkt in Tieren, wie andere in Begriffen“, notierte er einmal. Wer die Tiere erfährt; vernimmt die Stimme des Planeten. Deshalb war er überzeugt, die Ausrottung der Tiere bringe die Menschheit um ein immenses Potential möglicher Erkenntnisse. Und er war glücklich, daß er sein Grab ganz nah beim Zoo haben würde, getrennt nur durch Bäume und Gebüsche, durch die in der Nacht das Aufbrüllen eines Löwen, das Affenschimpfen, die schrillen Signale der Dschungelvögel wie Freundesrufe dringen würden. In seinem bisher letzten Buch, „Die Fliegenpein“, einem seiner schönsten, steht die Aufzeichnung: „Die Kraft des Träumens, meint er, sei an die Vielgestaltigkeit der Tiere gebunden. Mit ihrem Verschwinden sei das Versiegen des Träumens in Sicht.“

Das sagt nun auch etwas aus über seine Bestimmung des Traums. Dieser war für ihn die Bühne der Nacht, eine unerhörte Möglichkeit, sich zu verwandeln und so, szenisch, unter neuen Masken, neuen Kleidern, neuen Stimmen, Wissen zu gewinnen. Seine passionierte Gegnerschaft zu Freud, mit dem ihn ja doch sehr viel verbindet, hängt mit diesem radikal andern Verständnis des Traums zusammen. Für Canetti raubt die Psychoanalyse dem Traum die Körperhaftigkeit einer substantiellen Erfahrung. Die fabelhafte Chance, jede Nacht ein anderer oder unter andern zu sein, wird zu einem bloßen Rätsel, das geknackt werden muß. Und in der Verlängerung dieses Rätsels zeichnet sich dann ab, was Canetti am meisten perhorreszierte: die Wahrheit als Struktur. Daß man über „Strukturen“ irgendwelche Einsichten gewinnen könne in die Welt und die Menschen und in das, was die Menschen auf der Welt einander unablässig antun, schien ihm pure Verblendung. In einer Aufzeichnung von 1971 greift er das Denken in „Strukturen“ auf eine Weise an, die gleichzeitig die Eigentümlichkeit seines Denkens vorführt: „Täglich fielen ihm hundert Strukturen ein, vor Strukturen konnte er nicht mehr schlafen, er sprach und aß und schluckte, er entleerte sich von Strukturen. Wenn ich ihn traf, sang er mir neue Strukturen vor, wenn ich ging, verabschiedete er sich mit Strukturen.“

Hier geht es um den Intellektuellen, der alle Gegenstände, alles Ertastbare, Hörbare, Riechbare auf Begriffe reduziert. Diese aber sind in der tatsächlichen Welt so räum- und ortlos wie der Punkt in der Geometrie. Und wenn man sie dann noch auf Strukturen überträgt und aus dem Ganzen ein System macht und das System zur Erscheinungsform der Wahrheit erklärt, potenziert sich die Unwirklichkeit ins Monströse. Die Dinge der Welt, meint Canetti, dürfen in uns nicht zu Begriffen werden, sondern umgekehrt, wir selber müssen zu den Dingen der Welt werden. Ich kann nur von dem etwas wissen, was ich selbst bin. Also muß ich leibhaftig das werden, was ich erkennen möchte. Ich muß mich darein verwandeln. So verwandelt sich Canetti im zitierten Aphorismus zunächst selbst in einen Denker dieser Art, bis er ihn im eigenen Fleisch und Bein fühlt, bis er spürt, wie ihm die Strukturen, die nun ebenfalls körperhaft geworden sind, konvulsivisch durch die Eingeweide wandern. Er steckt als Kobold im Mann der Strukturen, lebt ihn, schnorrt und doziert, schlingt und entleert sich als dieser, dann aber fährt er im richtigen Moment blitzschnell aus ihm heraus und läßt ihn so stehen. Da ist er nun zu sehen und zu studieren, und das ist das Ereignis dieses Textes.

Solches Treiben hat auch Anstoß erregt. Diese unbedingte Feindschaft gegen alles, was System ist, diese Verachtung der Idee um des Körpers willen, diese Forderung, daß das Denken handfeste Verwandlung sei und nicht intellektuelle Konstruktion, diese Bestimmung des Philosophen als einer Kreuzung von Clown und Schamane, des Dichters als eines Einverleibers und magischen Weltverzehrers hat immer wieder zu offenem oder schweigendem Widerspruch geführt. Es gibt bedeutende Köpfe, die auf entschlossene Weise davon nichts wissen wollen. Sie antworten trotzig auf einen Trotz, der allerdings sie selbst schon immer in Rechnung gestellt hat. Wer in Strukturen denkt, wem sich die Dinge der Welt und die Abläufe der Geschichte nur erschließen von ihrem Stellenwert in einem System aus, der muß Canettis Verfahren gegenüber eine Art von Grauen empfinden. Als dränge da ein Chaos heran, das alle Ordnung gefährdet.