Das Buch geht auf Diskussionen einer Studiengruppe der Carnegie-Stiftung zurück. Vor einigen Monaten, als sie zuerst veröffentlicht wurden, haben die Thesen noch überrascht: So deutlich hatte noch keine amerikanische Stimme die Deutschen aufgefordert, außenpolitisch umzudenken und ihrer größeren Verantwortung in der Welt gerecht zu werden. Inzwischen hat der amerikanische Präsident in Bonn offene Worte zu diesem Thema gefunden, und das Buch von Daniel Hamilton, eines engen Mitarbeiters des amerikanischen Botschafters in Bonn, liest sich wie ein offiziöser Kommentar zu den schier grenzenlosen Hoffnungen, die die Clinton-Administration in das vereinigte Deutschland setzt. Die "Berliner Republik" müsse sich vor allem außenpolitisch neu definieren, das ist die zentrale These dieses Buches, während sie in demokratischer und sozialer Hinsicht das stabile Gemeinwesen bleiben dürfe, das die Welt vierzig Jahre lang gekannt hat. Berlin ist nicht Weimar, aber auch nicht Bonn. "Nur wenn jene politischen Handlungsmuster der Bonner Republik überwunden werden, die den Herausforderungen der Gegenwart nicht mehr entsprechen, wird die Berliner Republik sich erfolgreich den neuen Bedingungen anpassen können." Für die Neuorientierung der amerikanischen Außenpolitik spiele Deutschland die zentrale Rolle. Die USA sähen in "Europas bedeutendster Nation" ihren wichtigsten außenpolitischen Partner, mit dem sie eine "strategische Partnerschaft" anstrebten.

Hier kündigt sich eine neue amerikanische Realpolitik an, die offensichtlich das Vertrauen in die politische Einigung Europas verloren hat, die ihre Ungeduld mit den zaudernden und verwöhnten Deutschen nicht länger verbirgt und die Deutschland immer massiver zu einer gemeinsamen Politik drängt. Der Autor entwirft eine deutsch-amerikanische Umweltstrategie, plädiert für einen transatlantischen Binnenmarkt im nächsten Jahrhundert und beschreibt Grundlagen und Ziele "einer neuen strategischen Partnerschaft gegenüber dem Osten", die sich nicht auf militärische Perspektiven beschränkt. Das alles freilich entspringt nicht nur der Einsicht in die neue Weltordnung, sondern auch der Rücksicht auf die Grenzen der eigenen Möglichkeiten. In dieser Zeit als einzige Weltmacht übrigzubleiben, die noch dazu mit inneren Problemen überbeschäftigt ist, ohne jedoch ihre aus Moral und Macht, Idealismus und Interessen gemischte Mission in der Welt einfach abschütteln zu können, das ist keine komfortable Situation, und da kommt jede Hilfe recht: "Falls die Allianz noch einmal gezwungen wäre, im Mittleren Osten durchzugreifen, und falls Westeuropa dann in der Lage wäre, den Beitrag von zwei Divisionen, den es zum Golfkrieg leistete, auch nur zu verdoppeln, könnten den Vereinigten Staaten erhebliche Opfer an Blut und Geld erspart werden." Diese hemdsärmelige Formulierung zeichnet sich nicht gerade durch eine besondere Sensibilität für deutsche und europäische Befindlichkeiten aus. Es mag ja sein, daß der alte Kontinent etwas von jenem Can-do-Optimismus vertragen könnte, der noch immer die amerikanische Gesellschaft auszeichnet, und ganz gewiß ist hierzulande die außenpolitische Debatte längst überfällig, die Hamilton vehement fordert. "Ist dieser Staat primär mit sich selbst beschäftigt, gebeugt von innenpolitischem Druck, gefesselt durch eine ‚Kultur der Zurückhaltung‘, gefangen durch eine unbewältigte Vergangenheit, gleichsam ein Verbündeter mit eingeschränkter Haftung? Oder ist diese Republik ein Verbündeter, der eine wichtige Rolle bei der kollektiven Verteidigung spielt, der sich nicht hinter Geschichte, Verfassung und Geldreserven versteckt, ... sondern der Schulter an Schulter mit seinen Verbündeten jenen Multilateralismus verteidigt, für den er selbst immer lautstark eingetreten ist?"

Die Frage wird sein, ob es noch eine politische Chance für Europa gibt oder ob all jene recht behalten, die deshalb so engagiert für eine geographische Ausdehnung der Europäischen Union plädieren, weil sie eine politische Union Europas aufgegeben haben oder verhindern wollen. Eine besondere strategische Partnerschaft zwischen Deutschland und Amerika dürfte nicht ohne europäische Irritationen zu haben sein. Hamilton hat recht: Europa kann nicht "dort enden, wo die Probleme beginnen: an den Grenzen Rußlands und der Ukraine" – oder Bosniens. Aber es könnte ja sein, daß die politische Reichweite Europas desto bedeutender wird, je politischer – und nicht einfach je größer – Europa ist, und daß am Ende eine strategische Partnerschaft Amerikas mit einem politischen Europa allen mehr brächte als besondere deutsch-amerikanische Beziehungen.

Warnfried Dettling