Damals, im grauen Herbst des Jahres 1978, erschien ein Buch im schwarzen Einband. Es handelte vom Untergang und vom Scheitern. „Damals in Habana blätterte der Putz ab / von den Häusern, am Hafen stand unbeweglich / ein fauler Geruch, üppig verblühte das Alte, / der Mangel nagte Tag und Nacht / sehnsüchtig am Zehnjahresplan, und ich / schrieb am Untergang der Titanic. / Schuhe gab es nicht und keine Spielsachen / und keine Glühbirnen und keine Ruhe, / Ruhe schon gar nicht, und die Gerüchte / waren wie Mücken. Damals dachten wir alle: / Morgen wird es besser sein, und wenn nicht / morgen, dann übermorgen. Naja – / vielleicht nicht unbedingt besser, / aber doch anders, vollkommen anders, / auf jeden Fall. Alles wird anders sein. / Ein wunderbares Gefühl. Ich erinnere mich.“

Wer erinnert sich noch? Etwa zu der Zeit, die Hans Magnus Enzensberger in diesen Zeilen meint, schrieb der kubanische Lyriker Heberto Padilla, wie das ist, wenn alles vollkommen anders ist. Er nannte die „Aufnahmebedingungen einer Neuen Gesellschaft“: „Erstens: Optimist sein, / zweitens: adrett, höflich, fügsam / (sämtliche Sportabzeichen errungen) / und zuletzt die Gangart jedes Mitglieds: / Ein Schritt vorwärts, / zwei oder drei zurück – / aber immer / applaudierend.“

Padillas Schicksal unter Castro war eines der Motive für Enzensbergers kaltblütiges Untergangslied und seinen Abschied von der sozialistischen Hoffnung – von der „Furie Hoffnung“, wie Padilla sie nannte. 1968 war Padilla für seinen Gedichtband „Außerhalb des Spiels“ (deutsch 1971 bei Suhrkamp) vom Verband der kubanischen Schriftsteller ausgezeichnet worden – gegen Castros Willen. Der Dichter wurde eingesperrt. Vergeblich protestierten Autoren wie Sartre, Enzensberger und Moravia, Susan Sontag und Nathalie Sarraute, vergeblich unterstützten ihn kubanische Kollegen (darunter Norberto Fuentes, dessen gegenwärtige Situation wir auf der folgenden Seite schildern). Der Melancholiker Padilla, der in einem seiner Gedichte schrieb: „Was ist der Mut – ohne Maschinengewehr?“, unterzog sich nach stalinistischem Muster einer „Selbstkritik“, wurde freigelassen und durfte 1981 ausreisen.

Das Schicksal des Freundes vor Augen, beendete Enzensberger den dritten Gesang seines Poems mit den Zeilen: „Ich blickte hinaus auf die Karibische See, / und da sah ich ihn, sehr viel größer / und weißer als alles Weiße, weit draußen, / ich allein sah ihn und niemand sonst, / und das Meer schwarz und glatt wie Spiegelglas, / da sah ich den Eisberg, unerhört hoch / trieb er langsam, unwiderruflich, / weiß, auf mich zu.“

Kubas Schicksal in diesen Tagen erregt kein sonderliches Aufsehen unter den Intellektuellen. Von dieser letzten Hoffnung hat man sich längst, und Enzensberger war einer der ersten, verabschiedet. Aber noch wirkt die Furie fort, denn anders als mit Verdrängung läßt sich die Gleichgültigkeit kaum erklären. Der Schriftsteller Mario Vargas Llosa hat in der Zeitung El País über Castros Terror gesagt: „Wäre ein Pinochet der Täter gewesen, hätte es heftigste Proteste und Verurteilungen aus allen Winkeln der Erde gehagelt. Aber ich habe mich daran gewöhnt, daß hier in Europa die beschämendsten Verstöße der kubanischen Regierung gegen die Menschenrechte nicht nur mit der voraussehbaren Komplizenschaft der Kommunisten rechnen können, sondern auch mit der überraschenden Gewogenheit – oder dem feigen Schweigen – der demokratischen Linken.“

Kuba war in des Neomarxismus Maienblüte der schönste Traum. Geblieben sind von ihm die niedrige Säuglingssterblichkeit, die Pin-up-Photos karibischer Mädchen und die Massenflucht der Kubaner an die Küsten des einst gehaßten Nordamerikas. Dessen Regierung Milde und Menschlichkeit ans Herz zu legen, wird Günter Grass nicht müde. Vergeßlich wie viele andere ist er nicht.

Castros Zeit ist zu Ende, und die Opfer des Embargos sind, wie immer, die Opfer. Den Preis des Traums entrichten die im Dunkeln. Jetzt sieht man sie in den Booten. Ulrich Greiner