Von Christoph Türcke

Sensation bedeutete ursprünglich nichts als Wahrnehmung. Aber heute wird aus der Flut der täglich bekanntgemachten Ereignisse und Katastrophen nur noch wahrgenommen, was ganz besonders hervorsticht. Sensation ist, was die Wahrnehmung aus ihrem gewöhnlichen Trott wirft.

Nicht, daß erst seit der Moderne Außergewöhnliches wahrgenommen würde. Das Faszinosum, das einzelne oder Kollektive in Unwettern oder Erdbeben, in Opfer- oder Sexualexzessen vor Angst oder Begierde erzittern ließ, ist uralt: die Urform des Heiligen. In Gladiatorenspielen, in feierlichen Ketzer- und Hexenverbrennungen, in Karneval und Stierkampf lebte jahrhundertelang etwas davon fort. Im Sog der modernen warenproduzierenden Gesellschaft aber hat sich die Wahrnehmung des Außergewöhnlichen grundlegend gewandelt.

Der Markt hatte immer einen Hauch von Spektakel um sich. Wo Markt ist, sind Marktschreier, ist der Zwang, die eigenen Waren als etwas Außergewöhnliches anzupreisen. Der Schein des Ungewöhnlichen gehört zur ganz gewöhnlichen Warenpräsentation wie das Klappern zum Handwerk. Wo der Markt aber zur allgemeinen Lebensbedingung wird, alle Produkte und Produzenten in seinen Bann zieht, sie als Waren erhöht oder erniedrigt, annimmt oder verwirft und so in den Rang des Schicksals aufsteigt, da wird seine Art, Außergewöhnliches zu präsentieren, zum Prägestempel für alles Außergewöhnliche.

Die faszinierendsten, ausgefallensten, erschreckendsten Personen, Ereignisse, Produkte bekommen auf dem Markt etwas von jener Allerweltsungewöhnlichkeit, die jede Ware für sich reklamiert – und damit etwas von jener spezifischen Banalität eingeimpft, die der Markt eigens erzeugt. Das Banale ist das Schreckliche, weil tendenziell Unverkäufliche. Im Bedeutungswandel des Wortes Sensation von „Wahrnehmung“ zu „Wahrnehmung des Außergewöhnlichen“ steckt ein vernichtendes Urteil: Was sich aus der Masse des Dargebotenen nicht heraushebt, verdient nicht, wahrgenommen zu werden. Was nicht wahrgenommen wird, ist ein Nichts, wer nicht wahrnimmt, ein Niemand. Im Bedürfnis nach Sensation steckt die Existenzangst einer ganzen Gesellschaft.

Eine in der Philosophie längst abgetane These ist im Konkurrenzkampf privater und öffentlicher Medien aktueller denn je: Sein ist Wahrgenommenwerden. Seit der Einführung privater Fernsehkanäle halten gerade in Deutschland die Kameras spürbar hemmungsloser auf Tote und Verletzte, Schreiende und Verzweifelte, Geschlechtsteile und Orgasmen. Es gehe ihnen einzig um schonungslose Berichterstattung, nicht um Sensationsmache, versicherten neulich die „Tagesthemen“ der ARD. „Solange es geht“, versicherte die Moderatorin, werde man an dieser Linie festhalten. Man weiß also, daß es nicht mehr lange geht, daß die Privaten einem den Rang ablaufen, wenn man nicht selbst die Hemmschwellen senkt.

Auf dem Weg zur Sensationsgesellschaft gibt es Ereignisse, die ungleich „historischer“ sind als all die dauernd so genannten Gipfeltreffen und Abkommen. Das Benetton-Plakat, das die blutverschmierte Kleidung eines von Serben erschossenen bosnischen Soldaten zeigt, hatte nur ein Ziel: auffallen. Sein Tabubruch war vor allem strikter Gehorsam gegen die Marktgesetze. Den hat es nur schockierend kompromißlos praktiziert, auf unverschämte Weise den Schluß bloßgelegt, den die meisten bisher nur verschämt zu ziehen wagen: Wenn Auffallen als solches gut ist, weil überlebensnotwendig, so kann das, womit man auffällt, nicht schlecht sein. Gut und Böse werden damit zu ästhetischen Kategorien, und Ästhetik wird zur Ontologie: zu der Disziplin, in der es um Sein oder Nichtsein geht.