Von Rieks Holtkamp

Ironie der Geschichte: Der kubanische Schriftsteller Norberto Fuentes (geboren 1943 in Havanna) lebt in einem Gebäude, das nach der Ursprungsregion der kubanischen Revolution Sierra Maestra heißt; während des Jahrhundertzyklons im März vergangenen Jahres wurde es arg mitgenommen, und heute haben die Elemente in seinen leeren Wohnungen freies Spiel. Fuentes nicht. „Unter diesen Umständen kann man nicht schreiben.“ Er lebt bei seiner Mutter in einem der wenigen noch bewohnten Apartments des Sierra Maestra – und er meint nicht nur die wirtschaftliche Misere, mit der es die Kubaner zu tun haben. „Dies ist eine Tyrannei, eine Feudalgesellschaft. An der Spitze der Pyramide thront ein großer Herr, ein Führer, der befindet: Der da ißt heute Bohnen, jener bekommt ein Stück Hühnerfleisch, der kriegt gar nichts und jener eins über die Rübe.“

Fuentes kommt sich isoliert vor. Von seiner Familie abgesehen, sind seine treueste Gesellschaft die Herren von der Staatssicherheit, seine „Privatpolizei“. Die Überwachung. Der Lada, der unten immer wartet. Zwei Gestalten, die sich alle Mühe geben, uninteressiert zu erscheinen, und die beobachten, was für Leute ein und aus gehen. „Ich bin offizieller Dissident oder Diplomdissident“, sagt er ironisch. Die Behörden erlaubten ihm nicht, das Land zu verlassen. „Ich habe Einladungen zu Vorträgen im Ausland, trotzdem lassen sie mich nicht raus.“

Doch resigniert hat er nicht. Er hat versucht, auf einem Boot zu fliehen. Drei Meilen von der kubanischen Küste versagte der Motor (oder wurde zum Versagen gebracht). Die kubanische Küstenwache holte ihn zusammen mit zwei Gefährten zurück. Man verhörte ihn in der Villa Marista (dem früheren Sitz einer Marianischen Kongregation), heute Sitz der Staatssicherheit, ein Labyrinth aus Gängen und Türen, die Eingeweide des Castrismus. Nach zwanzig Tagen war er entlassen und wartete auf seinen Prozeß. „Aber den Prozeß werden sie mir natürlich nicht machen. Es ist ihre einzige Waffe, mich hier legal festzuhalten.“

Aber was willst du? Sag uns, was du willst, fragten sie ihn in der Villa Marista. Nichts. Sag uns doch, daß du in diesem Land ein neues Leben anfangen willst. „Wenn sich die Möglichkeit ergibt“, sagte Fuentes, „türme ich wieder in einem Boot.“

Seine literarische Laufbahn hatte verheißungsvoll begonnen. 1968 erhielt er für sein Buch „Condenados de Condado“ („Die Verdammten von Condado“, einem Ort im Escambray-Gebirge, der eine Rolle in der Revolution gespielt hatte) den „Casa de las Americas“-Preis. Den revolutionären Kräften gefiel das Bild, das Fuentes in diesem Buch von ihnen gezeichnet hatte, überhaupt nicht. Die Heereszeitschrift Verde Olivo begann eine Kampagne gegen ihn: Konterrevolutionär. Fünf Jahre lang war er Persona non grata.

Das Buch entmythisierte die Revolution, „aber die heutigen Führer haben dazu viel mehr beigetragen. Die Zeit, als Fidel Castro sich für eine Art Robin Hood halten konnte, liegt schon viele Jahre zurück. Die Führung ist außerstande, sich etwas Neues auszudenken. Diese defensive Haltung, Sozialismus oder Tod’, beweist eine große Armut an neuen, frischen Ideen.“