Von Christoph Bertram

Der Geist ist aus der Flasche entwichen, unter starker Mithilfe der nuklearen Hexenmeister. Plutonium, in der Natur nicht vorhanden, wurde im Zweiten Weltkrieg als alternatives Bombenmaterial zu Uranium-235 entwickelt. Aber nicht nur die Bombenbauer schätzten den Stoff, er verhieß auch einer energiehungrigen Welt fast unerschöpfliche Ressourcen zum Antrieb atomarer Kraftwerke. "Es war", erinnert sich ein amerikanischer Atomwissenschaftler, "wie die Verkörperung der Chance, die Menschheit zu retten."

Inzwischen ist der vermeintliche Segen zum Fluch geworden. Wie das Töpfchen im Grimmschen Märchen, das unermüdlich süßen Brei produziert, bis schließlich die ganze Stadt darin versinkt, so häuft die Welt ein ständig wachsendes Arsenal von Plutonium an, ohne zu wissen, wie sie den radioaktiven, hochgiftigen Stoff wieder loswerden soll. Und anders als beim Bombenuranium, das durch Vermischung mit geringer angereichertem Uran unschädlich gemacht und dann auch noch gewinnträchtig in Atomreaktoren verbrannt werden kann, gibt es bei Plutonium keine raschen und billigen Wege aus der Gefahr.

Diese Gefahr rührt weniger aus dem noch in Reaktorbrennstäben vorhandenen Material (etwa 750 Tonnen weltweit) als aus dem wiederaufbereiteten, abgetrennten Plutonium (rund neunzig Tonnen) und den durch die Verschrottung atomarer Sprengköpfe frei werdenden Mengen, die noch einmal soviel ausmachen. Zwei an sich wünschenswerte Entwicklungen haben zu diesem unerwünschten Ergebnis geführt: Die zivile Kernenergienutzung stagniert, die Abrüstung funktioniert – und die Plutoniumhalde wächst.

Zwar halten sich Plutoniumgläubige immer noch an der Hoffnung fest, irgendwann einmal, wenn die Uranvorräte versiegen sollten, würde ihr Stoff wieder ganz hoch im Kurs stehen. Vorerst aber ist das Zeug auch ökonomisch eine Last: Ein Pfund des Alternativ-Brennstoffs Uran, der auf dem Höhepunkt der Ölkrise 1978 noch 46 Dollar kostete, ist heute für nur 7 Dollar zu haben. Und selbst wenn die Plutoniumarsenale eines fernen Tages profitabel würden, muß der Stoff bis dahin gelagert, vor allem aber geschützt werden. Denn die einzigen ernsthaften Kaufinteressenten sind vorerst solche, die Böses damit im Schilde führen: jene Handvoll Staaten, die partout eine Atomwaffe besitzen möchte, aber technisch noch nicht in der Lage ist, den Brennstoff selber zu produzieren. Schon mit etwa vier Kilogramm Plutonium können atomare Anfänger eine Bombe basteln.

Wie also läßt sich der Geist wieder in die Flasche zurückzwingen? Die amerikanische National Academy of Sciences hat dazu Anfang dieses Jahres eine umfangreiche Studie vorgelegt. Ihre Empfehlung bezieht sich zunächst auf das durch Abrüstung frei werdende Waffenplutonium: Das spaltbare Material soll mit radioaktivem Müll vermengt, verglast und dann eingelagert oder aber zu einem Mischoxyd mit Uran verbunden und in umgerüsteten zivilen Atomreaktoren verbrannt werden. Eine rasche Lösung bietet beides nicht. Bis zu fünfzig Jahre könnte die Verbrennungslösung dauern; merklich weniger, aber immer noch Jahrzehnte, die Verglasung. Damit wäre zudem nur das Waffenplutonium entsorgt, nicht aber das ebenfalls waffenfähige Reaktorplutonium.

Die Welt wird daher noch lange mit dem Stoff leben müssen. Das wird ihr nur gelingen, wenn er nicht in falsche Hände gerät. Deshalb gibt es für die nächsten Jahrzehnte nur eine realistische Wahl: Plutonium mittels strengster Sicherheitsvorkehrungen vor Unbefugten zu schützen. Die in Deutschland jüngst abgefangenen Proben sind deshalb so ernst zu nehmen, weil sie darauf hinweisen, daß diese Sicherheit heute – vor allem, aber nicht allein auf dem Gebiet der früheren Sowjetunion – nicht immer gewährleistet ist.