Von Rainer Schauer

Mit dem traurigen Gesicht eines Bassets erinnert sich der sechzigjährige Hans Dören an früher: „Mensch, das waren noch Zeiten“ – damals, als sein Laden „Bistro bei Hans“ in der Calle de las Mercedes im Zentrum von Torremolinos brummte. Als Sülze, Bratwurst, Hering und Bratkartoffeln in kaum zu glaubenden Mengen verzehrt wurden, als das deutsche Bier in Strömen aus dem Zapfhahn floß, die Gäste zur blauen Stunde alle und jede Nacht vor Madagaskar lagen und der Schlachtruf der deutschen Urlauber wie Donnerhall durch die kleine Bar fegte: „Oans, zwoa, g’suffa!“ Hunderte von bunten Photos an den Wänden hinter dem Tresen erinnern an diese schrillen Stunden, die den Pauschalurlaubern aus Deutschland an der Costa del Sol ein zweites Zuhause und Hans Dören ein gutes Einkommen bescherten. Jetzt allerdings ist der Boom vorbei; auch für „Onkel Willy“ am Strand von Playamar oder für das Restaurant „Zum Treppchen“ im Herzen der Altstadt. Hans Dören: „Seit 1980 führe ich nun das Bistro. Aber jedes Jahr kamen weniger deutsche Urlauber nach Torremolinos. Ich fürchte, bald werden gar keine mehr kommen.“ Sohn Uwe nickt. Von den deutschen Gästen hängt auch seine Zukunft ab.

Die Katerstimmung unter der heißen Sonne und dem ewig blauen Himmel Andalusiens haben die Großunternehmen der deutschen Reiseindustrie verursacht. Sie haben die Pionierorte des spanischen Fremdenverkehrs wie Lloret de Mar, Benidorm, Torre del Mar, Torremolinos, aber auch Arenal auf Mallorca zu Auslaufmodellen des Massentourismus erklärt. Wolfgang Beeser, Sprecher der Geschäftsführung von NUR Touristic, stellvertretend für die Branche: „Das einzige Zielgebiet, das an der spanischen Mittelmeerküste funktioniert, ist Almeria. Das ist das letzte Gebiet, das erschlossen wurde und mit einer vernünftigen Infrastruktur einigermaßen akzeptabel ist. Ansonsten ist die spanische Mittelmeerküste für den deutschen Tourismus tot.“ Gerade 7000 Flugpauschalreisende wird Neckermann Reisen in diesem Sommer an die gesamte Costa del Sol verfrachten. Vor fünfzehn Jahren waren es noch 50 000 gewesen.

Blickt man vom Meer aus über das ausgebleichte Stroh von Tausenden von Sonnenschirmen hinweg, dann sieht man einen der Gründe, warum die qualitäts- und scheinbar umweltbewußten deutschen Urlauber Torremolinos nicht mehr annehmen: Von der Playa del Saltillo im Westen bis zur Playa de los Alamos im Osten zieht sich ein nahezu ununterbrochener, zehn Kilometer langer Betonwall die Küste entlang – Hochhaus an Hochhaus, Apartmentkomplex an Apartmentkomplex, Hotelsilo an Hotelsilo, zehn, fünfzehn Stockwerke hoch und mehr, das Erbe aus der wilden Gründerzeit des Massentourismus in den sechziger und siebziger Jahren. Kein einziger Kasten mit Blumen verziert die spiegelnden Wände der in der Sonne glühenden Fensterscheiben, kein einziges grünes Blatt sprießt auf Balkonen und Veranden. Nur dort, wo rare Neubauten im neoandalusisch-maurischen Stil wie Oasen die betonierte Einheitsfront unterbrechen, schmückt sattes Pflanzengrün die Fassaden. Die anderen Gründe, aus denen die Deutschen wegbleiben: veraltete, als reine Wohnmaschinen konzipierte Hotels, verschmutztes Meer, dreckige Strände und Straßen, sowie Lärm, Gestank und Kriminalität.

Jetzt sind die Strände von Torremolinos sauber, die Kläranlagen scheinen zu funktionieren, Umgehungsstraßen und -autobahnen haben den schlimmsten Verkehr aus der Stadt verbannt, Aufräumkolonnen pflegen Parks und Wege, Bäume sind gepflanzt worden und Tourismuspolizisten in schneeweißen Uniformen sorgen für Sicherheit. Ein „Konsortium für die Zukunft“ soll zudem einen touristischen Masterplan für Torremolinos ausarbeiten, der wieder Qualitätstouristen, das heißt ausgabenfreudige Urlauber wie die deutschen, in die Stadt bringen soll. Zu spät, viel zu spät, sagen die Reiseveranstalter. Die Spanier haben die Diskussion um die touristische Umwelt in Deutschland, ihrem wichtigsten Markt, verschlafen.

Nach zwanzig Jahren ist das Ehepaar aus Kiel wieder nach Torremolinos gekommen. Und wie damals, als „wir noch keine dreißig waren“, sind sie im „Tropicana“ abgestiegen, in einem inzwischen renovierten kleinen Hotel, das von Hochhäusern umringt ist. An der Bar steigen die Erinnerungen hoch: Weißt du noch? Damals, Ende der sechziger und zu Beginn der siebziger Jahre, wurde das ehedem kleine Fischerdorf mit seinen, inzwischen nicht mehr existierenden, sechs Getreidemühlen gerade von Seilschaften, bestehend aus Politikern, Baulöwen, Finanz- und Immobilienhaien, Abschreibungskünstlern und Bodenspekulanten für den internationalen Tourismus erschlossen, wurden die Herbergen schnell und phantasielos hochgezogen. Das störte damals die Kieler nicht. Himmelstürmende Trabantenstädte standen schließlich auch zu Hause. Für die beiden wie für Tausendschaften deutscher Pauschalurlauber der anspruchslosen Nachkriegs- und Aufbaugeneration waren Torremolinos und die anderen Ferienorte zwischen Barcelona und dem Affenfelsen von Gibraltar die Erfüllung eines preiswerten Traums vom Süden, der sich allerdings nur zu oft in Sonne, Sand und Suff erschöpfte.

Trotzdem: Torremolinos stand mit seinem Namen gleichsam für eine neue, aufregende Zeit: Es war die flippige, kaputte, anrüchige und doch so faszinierende Szenewelt jugendlicher Flüchtlinge, Verweigerer und Aussteiger, das bekiffte und von Bob Dylan trunkene Heer der Mitläufer der Flower-power- und Hippie-Bewegung. Der USamerikanische Autor James A. Michener hat ihnen mit seinem Buch „Die Kinder von Torremolinos“ ein ebenso nachhaltiges wie klischeehaftes Denkmal gesetzt. „Auf der ganzen Welt“, schrieb Michener, der sich als 61jähriger selbst in der Szene herumtrieb, „findest Du nichts, was Du mit Torremolinos vergleichen könntest. Das Asyl für jene, die dem Wahnsinn der Welt entfliehen wollen, nur daß es selbst total verrückt ist.“ Michener beobachtete, wie sich damals zu Beginn der siebziger Jahre in Torremolinos eine „endlose Prozession junger Leute, hoffnungslos, schmutzig und degeneriert“ durch die Gassen schob, junge Menschen, die „von der Sonne lebten“ und den „Kalender vergessen“ hatten und die „am Strand schliefen und zu jeder Abnormität bereit waren“.