Von Ömer Erzeren

Der Mann hält mit zitternder Hand eine Zigarette. Tränen fließen über sein unrasiertes Gesicht. Dann sagt er wütend: „Du fragst nach der Hilfe der Deutschen. Hier siehst du die Investition der Deutschen im Dorf Mercimek.“ Und er weist auf das Grab.

„Gülistan Öztürk, Tochter des Idris, geboren am 14.4.81, gestorben am 29.5.93“ ist auf dem Marmor eingraviert. Die 12jährige Gülistan war zu Besuch in Deutschland, als sie zusammen mit ihren Verwandten, der Familie Gene, in Solingen Opfer rassistischer Brandstifter wurde. Der 48jährige Süleyman Püsür, Bauer im Dörfchen Mercimek in der Schwarzmeerprovinz Amasya, ist der Onkel der Opfer. „Die schöne Schwarze“ – so nannte er Gülistan. Im Sarg kehrte die schöne Schwarze im Mai vergangenen Jahres nach Mercimek zurück. Püsür hat den Sarg selbst getragen. „Sie war federleicht. Nur Knochen und ein bißchen zusammengetragene Asche.“

Politiker aus Deutschland und der Türkei nahmen an der Beerdigung teil. Auch der deutsche Außenminister Klaus Kinkel war in das 625-Seelen-Dorf gereist. Die Politiker haben am Grab der fünf Solinger Opfer traurige Reden gehalten. Doch auf Politiker ist Süleyman Püsür nicht mehr gut zu sprechen. Die seien alle gleich.

Über nicht eingelöste Versprechungen deutscher Politiker will er nicht weiter reden, obwohl das ganze Dorf darüber spricht, daß Außenminister Kinkel eine Mauer für den Friedhof und Umweltminister Klaus Töpfer eine Kanalisation für den Ort zugesagt haben. „Es ist genau wie bei türkischen Politikern. Sie schreiben ihre Versprechungen auf Zigarettenschachteln und werfen sie weg.“ Püsür pflückt die Gerste und den Weizen, die auf den Gräbern gewachsen sind, und streut die Körner auf die Erde, die Gülistan bedeckt.

Das Haus von Halim Gene, dem Großvater der ermordeten türkischen Mädchen, gehört zum Pflichtprogramm von Politikern, die nach Mercimek reisen, um Beileid auszusprechen. Hühner flattern gackernd auseinander, wenn ein Fremder den Hof überquert. Halim Gene ist zuckerkrank. Schwerfällig läuft der Achtzigjährige, dem ein Auge operativ entfernt wurde, am Stock. Jetzt muß er wieder ins Krankenhaus. Bedächtig und vorsichtig kommt er auf die Morde von Solingen zu sprechen: „Es soll Skinheads in Deutschland geben. Sie sollen behaupten, daß es für Türken Arbeit gibt und für Deutsche nicht.“ Halim Gene ist ein frommer Mensch. Nach dem Tod seiner Enkel ist er zum zweiten Mal nach Mekka gepilgert. Haß ist nicht seine Art. „Deutschland ist gut“, sagt er. „Dummköpfe haben das gemacht. Die deutsche Regierung war stark und hat die Täter sofort gefaßt.“

Im August vergangenen Jahres saß jemand von der deutschen Regierung in Halim Genes Wohnzimmer. Umweltminister Töpfer machte einen Besuch bei der Familie der Opfer. Er war auf Urlaub in der Türkei und wollte kondolieren. „Töpfer hat uns als besonnene Menschen kennengelernt. Deshalb hat er dem Dorf Hilfe zugesagt“, sagt der alte Halim Gene. Doch daran, daß der Umweltminister sein Wort einlöst und eine Kanalisation für das Dorf finanziert, glauben die Menschen in Mercimek inzwischen nicht mehr.