Ich stelle mir ein anderes, ein durchaus mögliches Ende des 2. Weltkrieges vor: Die Westalliierten haben den nördlichen Teil Deutschlands besetzt, die ruhmreiche Sowjetarmee den Süden. Glaubt jemand ernsthaft, die Stasi Bayerns hätte dann weniger effektiv gearbeitet als die, deren Akten wir gerade so gründlich durchforsten? Oder daß die Schwaben gegen den Bau der Mauer einen Generalstreik angezettelt hätten? Oder daß die Franken 1968 zu Deserteuren geworden wären, um nicht in Prag einmarschieren zu müssen? Welche Indizien gibt es dafür, außer dem nachvollziehbaren Wunsch, nicht so betreten, nicht mit so hängenden Schultern dastehen zu müssen wie jetzt die Bürger der dahingegangenen Republik?

Die Bekundung von Verständnis für die Anpasser ist nicht zu verwechseln mit einer Liebeserklärung – natürlich haftet dem Prinzip Unterordnung der Geruch von Ängstlichkeit und Spießigkeit und Heuchelei an. Andererseits ist es kein Geheimnis, daß die Ängstlichen und die Spießer und die Heuchler in der Bevölkerung die einzige zuverlässige Mehrheit bilden, das war nicht nur in der DDR so. Und mit welchem Recht will man es Leuten verübeln, wenn sie sich auf eine Weise verhalten, die erwiesenermaßen das Leben erleichtert: die Konflikte aus der Welt schafft, ein gewisses Maß an Sicherheit garantiert und dem Feind Obrigkeit so wenig Angriffsflächen wie möglich bietet.

Da Unterordnung dann am leichtesten zu ertragen ist, wenn man davon überzeugt ist, sich einer guten Sache zu unterwerfen, waren im Lauf der Jahre immer mehr DDR-Bürger der Meinung, die Ziele ihres Staates seien unterstützenswert...“

Aus: Jurek Becker: „Eine Art Einheit“, (Freibeuters Lockbuch, Juni 1994)