Von Gunter Hofmann

Nachdem die Frankfurter Allgemeine Zeitung in ihrer allerersten Reaktion viel Verständnis fand für das Mannheimer Urteil gegen NPD-Chef Deckert, räumt sie jetzt Ernst Nolte Platz ein. Er breitet seine Bedenken aus gegen das Gesetz, mit welchem das Leugnen des systematischen Judenmordes unter Strafe gestellt werden soll. Nolte, der sich der Relativierung der Vergangenheit als Lebensaufgabe widmet, reiht sich ein unter die „radikalen Revisionisten“. Er verteidigt einiges an ihrem Denken derart herzinniglich, wie man es nie spürt, wenn er Zahlen der Ermordeten nachrechnet. Herzlosigkeit warf ihm seinerzeit auch die FAZ vor.

Nun wiederholt Nolte seine Rechnerei. Also, ob die nicht recht haben, die meinen, die tägliche Höchstkapazität der Krematorien belaufe sich allenfalls auf 5000, die Anzahl der „auf natürliche Weise“ Gestorbenen überschreite nicht 300 täglich, Massenerschießungen hätten nicht stattgefunden, die Augenzeugen berichteten unzuverlässig, Sachverständige bestritten, daß aus den Kaminen meterhohe Flammen hätten schlagen können... Schon ist man bei der These, daß sich um Auschwitz Legenden und Mythen ranken. Der Historiker dagegen plädiert für rationale Argumentation. Nur von „kenntnisloser Agitation“ müsse man sich scharf abgrenzen. Frage: Hat der Weinheimer NPD-Funktionär Deckert rational argumentiert oder kenntnislos agitiert?

Nolte möchte den Eindruck erwecken, als bewege er sich in einem aseptischen Studierstüblein, als äußere er sich nicht im aktuellen Zusammenhang. Aber er macht Politik. Er weiß es und er will es. Die Absurdität seines Satzes, ein Gesetz gegen die Lügner könne „eine Gefahr für die geistige Freiheit in Deutschland bedeuten“, spricht für sich. Das Gesetz hat juristische und politische Tücken. Muß aber ausgerechnet an diesem Beispiel die Freiheit der Wissenschaft demonstriert werden? Das hat ähnliches Niveau wie die These, mit dem Tempolimit werde über die Bürgerfreiheit im Lande entschieden, nur ist es politisch und moralisch obendrein noch unverschämt.

Nolte plagt eine Obsession. Seine wissenschaftliche, kalte Neugier ist Pose. Bei ihm entdeckt man nicht eine einzige Spur des Bewußtseins und der ganz anderen inneren Erregung, die Dolf Sternberger (auch er ein Wissenschaftler!) zum Schweigen über Auschwitz geführt hat. Stemberger: „Die wahnsinnige Untat, die mit dem Namen ,Auschwitz‘ bezeichnet wird, läßt sich in Wahrheit gar nicht verstehen, sie läßt sich nur berichten... Wer aber den Zweck dieser Verrichtung, wer die Ausführung dieses Plans als solche verstehen wollte, der müßte darüber den Verstand verlieren. Und wer den Verstand nicht zu verlieren imstande ist, der hat dieses Phänomen ,Auschwitz‘ noch gar nicht eigentlich wahrgenommen.“