Von Viola Roggenkamp

Eva steckt den Haustürschlüssel ins Schloß und öffnet die Tür. Es ist nicht ihr Schlüssel, und es ist nicht ihre Wohnung, die sie betritt. Aber sie kennt sich gut aus hier drinnen. Durch die Räume fließt ein mattes Licht. Abgedunkelte Morgensonne, zurückhaltend durchgelassen von hellgrauen Jalousien. Er ist also noch da, denkt Eva. Daß er im Bett liegen und schlafen könnte, ist ihr nicht angenehm. Doch Jonathan ist fort. Er hat bloß die Jalousien nicht hochgezogen. Die Zeit reichte nicht mehr. Und heute kam ja sie. Eva. Heute würde sie ihm alles machen. Heute war sein Freitag bei ihr.

Eva geht den Flur entlang. Alle Türen stehen offen. Sie sieht vorsichtig um die Ecke. Das Bett ist leer und sehr zerwühlt. Sie atmet auf. Er ist weg, und sie ist ungestört allein in seiner Wohnung. Sie geht zum Fenster und zieht mit Schwung die Jalousien hoch. Sie wird sich gleich erst mal einen Kaffee machen. Vom Bett her kommt ein leises Stöhnen. Eine junge Frau wühlt sich unter der Decke hervor. Für den Augenblick eines hastigen Gedankens fühlt Eva, sie ist in der falschen Wohnung. In ihrer Wohnung. Als sei sie die Stimme im Bett. Dann dreht sie sich um. Auch das noch, denkt sie und nickt der jungen Frau freundlich zu. „Guten Morgen, ich bin Eva, die Putzfrau. Lassen Sie sich nicht stören.“

Raumpflegerin? Reinemachefrau? Putze? Eva ist eine professionelle Putzfrau, und sie findet diese Bezeichnung richtig. „Ich mache das jetzt schon seit sechzehn Jahren. Oder? Nein, seit siebzehn. Das ist nun mein Beruf.“ Sie hatte eigentlich Sozialarbeiterin werden wollen. „Ich habe sogar ein paar Semester Psychologie studiert. Ist schon etwas her. Auf der Fachhochschule.“ Sie ging putzen, um sich das Studium zu finanzieren und blieb dabei, „weil mir immer was anderes dazwischen kam“. Was dazwischen kam, war Max. Ihr Putzen finanzierte dann sein Studium. Als er sie verließ, „war Katharina noch unterwegs“. Die Geburt von Evas Tochter verspätete sich um zwei Wochen. „Ich wollte sie wohl nicht hergeben.“

Katharina ist eine fleißige und gescheite Schülerin. Sie sagt, sie würde alles für ihre Mutter tun. Nur nicht ihren Freundinnen gegenüber verraten, daß „meine Mutter bei anderen Leuten saubermachen geht“. Wenn sie gefragt wird, sagt sie, ihre Mutter sei selbständig. Sie habe ein Reinigungsunternehmen. Was ist daran gelogen? So stimmt es ja auch. „Ich habe damit keine Probleme“, sagt Eva. Außer daß ihre Tochter damit Probleme hat. „Wie ich das sehe, werde ich in drei Jahren mit meinem Putzen auch dein Studium finanzieren, wie bei deinem Vater.“ Und obwohl Evas Stimme jetzt ein bißchen laut ist und hart, strahlt ihr Gesicht vor Stolz über ihre Tochter. Dann muß sie sich eine Zigarette anzünden.

Pro Tag hat Eva zwei Klienten à drei Stunden. „Ich sage Klienten“, sagt sie und grinst. „Wenn ich Sozialarbeiterin oder irgendwie was Therapeutisches geworden wäre, würde ich auch Klienten sagen.“ Was sie als Putzfrau tut, meint sie, liege genau dazwischen: Sie klärt den persönlichen Raum und versorgt den Menschen darin.

Eva hat täglich zwei Wohnungen auf ihrem Terminkalender stehen. Pro Wohnung drei Stunden. Sie arbeitet als Putzfrau von sieben bis vierzehn Uhr mit einer Stunde Pause. In dieser Zeit ist sie in ihrem kleinen roten Auto unterwegs zwischen den beiden Wohnungen. „Ich nehme achtzehn Mark die Stunde. Das ist zur Zeit der Höchstsatz. Aber ich bin auch Spitze. Bad, Küche, das Bett. Durchsaugen, mal die Fenster, Blumen gießen. Ich mache die Wäsche und Bügelarbeiten. Auf besonderen Wunsch kaufe ich auch ein.“ Üblich sind zwölf Mark, und zwar unverändert schon seit einigen Jahren, Geputzt wird in Deutschland inzwischen aber wieder ab zehn oder sogar bloß ab acht Mark die Stunde. Ausländerinnen, die ohne Aufenthaltsgenehmigung im Land leben und deren Asylantrag noch läuft oder womöglich abgelehnt wurde, müssen sich unter solchen Umständen erpressen lassen. Die schärfste Konkurrenz, wie in nahezu allen freien Berufen, kommt den westdeutschen Putzfrauen neuerdings von ihren ostdeutschen Kolleginnen. Denn farbige Ausländerinnen, weiß Eva, werden im Haushalt noch immer relativ selten genommen.