NDR 3, Freitag, 19. August: „20 Jahre ‚III nach Neun‘“

Mit zum Besten am Fernsehen gehören die Archive. Wäre da nicht die Assoziation: Irrgarten und Zerberus, hätte man nicht die Angst, endlos vergeblich zu suchen und von mißtrauischen Bestandsverwaltern des Filmdiebstahls und des unsachgemäßen Umgangs mit all den eingelagerten Kostbarkeiten bezichtigt zu werden – zu schweigen von der Nötigung, Formulare auszufüllen und die Handtasche am Eingang abzugeben –, man hätte wohl Lust, sich tagelang in diesen Kellern aufzuhalten und fernsehend in die Erinnerung abzutauchen: Ach, so war es einst, dahin, und: o verloren...

Die Redaktion von Deutschlands alles in allem interessantester Talk-Show, „III nach Neun“ aus Bremen, hatte jetzt Gelegenheit, eine Reise in die Vergangenheit anzutreten und die Höhepunkte aus einer im Fernsehzeitalter beachtlichen Tradition für das Heute neu zu schneiden: Ein zwanzigjähriges Jubiläum ist einen Rückblick wert. – Die derzeitigen Moderatoren Juliane Bartel und Giovanni di Lorenzo spazierten lächelnd in einem leeren und, wie sie stolz vermerkten, historischen Studio umher, denn es hatten hier einst Rudi Carrell, Hape Kerkeling und Loriot ihre Debüts gefeiert. Diesmal moderierten Bartel und di Lorenzo keine Gäste, sondern einen Bilderbogen, der von 1974, als der Konkret-Herausgeber Röhl unterm Marx-Poster für „die Linke“ warb, bis zu Stasi-Jagd und Balkankrieg in unserer Ära reichte.

Leider hatten die Jubilare es vorgezogen, aus den siebziger und frühen achtziger Jahren vorwiegend Schnurrpfeifereien aufzulegen: 1975 beschäftigte sich die Nation offenbar ausgiebig mit Sexshops und deren Inhaberinnen, die Jahre darauf waren sinkende Heiratsziffern beliebter Debattenstoff, und erst 1978 kam ein echtes Thema, die Flugzeugentführung nach Mogadischu, dran. Aber gleich darauf ist man schon wieder bei Füllseln wie dem Anfang des Privatfernsehens in Italien oder bei Kokolores wie der Qualität von Wienerwald-Hendln. Schade. Just in „III nach Neun“ ging es öfter mal scharf ran an die Kontroversen; Wolfgang Menge und Lea Rosh standen für lohnende Streitigkeiten – und war da nicht mal was mit Günther Nenning? Sie alle kamen kaum vor; ernst wurde es thematisch mit Mauerfall und Golfkrieg erst, nachdem das heute tätige Moderatoren-Team sein Amt angetreten hatte.

Ja, so ist das mit der Vorzeit: Sie erscheint gern in weichem Licht, und wenn man ihrer gedenkt, möchte man schmunzeln. Dabei ist die gute alte Zeit nur deshalb Vergangenheit, weil sie einmal böse Gegenwart war – und die Stärke des Fernsehens liegt darin, daß es wie sonst kein Medium das scheinbar so milde Licht der Vergangenheit mit der Kraft der Vergegenwärtigung überblenden kann. Warum sollte eine TV-Gedenksendung sich diese Kraft nicht zunutze machen?

„III nach Neun“ wollte lieber Spaß haben – und verriet so durchaus etwas über den Epochenwandel, den zu spiegeln die Jubiläumssendung versäumt hatte. Vor ein, zwei Jahrzehnten gab es eine größere Lust an der Auseinandersetzung (und die Leute rauchten), heute triumphiert das Spielerische (und man achtet auf die Gesundheit).

Früher konnten die Gäste besser reden, heute netter mit den Augen zwinkern. War es früher besser? Sind wir fortgeschritten? Solange wir Archive haben, können wir die Antwort aufschieben. Barbara Sichtermann