Von Holger Afflerbach

Das russische Reich ist kein Land, was man förmlich erobern, d.h. besetzt halten kann, wenigstens nicht mit den Kräften jetziger europäischer Staaten... Ein solches Land kann nur bezwungen werden durch eigene Schwäche und durch die Wirkungen des inneren Zwiespaltes.

Carl von Clausewitz

Die Erkenntnis, die Clausewitz aus dem Scheitern Napoleons in Rußland gewonnen und in seinem Buch „Vom Kriege“ (1832) niedergelegt hatte, war in Europa wie in Deutschland bis zum Beginn des Ersten Weltkrieges in verantwortlichen politischen wie militärischen Kreisen selbstverständliches Gemeingut. Kriege gegen Rußland, die es trotzdem gab – so der Krimkrieg 1853 bis 1856 oder der russisch-japanische Krieg 1904 bis 1905 – waren an der Peripherie des gewaltigen Reiches geführt, gewonnen oder verloren worden.

Erst 1914, einen Monat nach Kriegsanfang, geriet die These von der Unbezwingbarkeit Rußlands ins Wanken. Ausgelöst wurde es durch den Sieg der deutschen über die zaristische Armee in der Schlacht bei Tannenberg, die vor achtzig Jahren vom 26. bis zum 30. August im südlichen Ostpreußen geschlagen wurde.

Eigentlich hatten die Deutschen einen Sieg an der Ostfront so früh gar nicht erwartet. In den ersten Wochen des Weltkrieges kämpften sieben deutsche Armeen im Westen gegen die Franzosen und Engländer, die man binnen fünf Wochen zu schlagen hoffte. Im Osten stand hingegen nur eine einzige Armee gegen zwei russische – 173 000 deutsche Soldaten gegen 485 000 russische. Nach ersten Grenzgefechten mußten die deutschen Truppen zurückgenommen werden. Aus Furcht vor den Kosaken verließen über 800 000 Menschen ihre Häuser und flohen in endlosen Trecks nach Westen. Zivilisten, aber auch Generalstäbler fragten sich bang, ob die „russische Dampfwalze“ überhaupt noch gestoppt werden könne, bevor sie Schlesien, ja sogar Berlin erreichte.

Der Vormarsch der Russen verlief aber überhastet, und in ihrer Planung und Organisation klafften große Lücken. Zudem war der russische Funkverkehr unverschlüsselt, so daß die deutsche Armeeführung ihn mühelos mitlesen konnte. Zum Vorteil der Verteidigung wurden die angreifenden russischen Armeen – die Narew-Armee im Süden und die Njemen-Armee im Osten – durch die schwerzugängliche Landschaft der Masurischen Seenplatte voneinander getrennt. Somit konnten die Deutschen den richtigen Zeitpunkt wählen, eine der beiden Armeen separat anzugreifen, ohne daß die andere ihr rechtzeitig zu Hilfe eilte. Überdies verfügten sie über leistungsfähigere Bahnverbindungen, so daß sie in der Lage waren, ihre Truppen schnell zu verlegen und überraschend Schwerpunkte zu bilden.