Wir lernen sie in einer Situation kennen, die mit Bredouille unzureichend beschrieben wäre. So gesehen wird begreiflich, daß Freia fortwährend jammert und greint und um Hilfe ruft. Eine fade Heulsuse, könnte man meinen. Aber mit dieser Göttin hat es eine eigene Bewandtnis. Zwar ist sie eine völlig passive, gleichwohl aber zentrale Figur im Spiel um Liebe, Macht und Gold. Obgleich sie über eine beachtliche Möglichkeit verfügt, Druck auszuüben, macht sie davon keinen Gebrauch. So bleibt sie im Kräftespiel der Mächtigen die ganze Zeit über bloßes Objekt.

Kraft ihrer familiären Bande gehört sie zur regierenden Klasse der Lichtalben; sie ist nicht nur Schwester der Götter Froh und Donner, sondern auch der Göttin Fricka, und die ist bekanntlich die Gemahlin des Chefgottes Wotan. Großartiger geht’s eigentlich nicht. Aber das ist noch nicht alles. Wir erfahren peu à peu, daß sie auch Besitzerin eines Obstgartens besonderer Art ist, dem sie aus gutem Grund regelmäßig persönliche Pflege angedeihen läßt. Denn von seinen Bäumen erntet sie goldene Äpfel, und deren Genuß verleiht ewige Jugend. Diese Früchte behält sie ihrer engsten Familie vor.

Die Apfelgärtnerin Freia wird als attraktive Erscheinung beschrieben. „Ihr Reiz“ wird natürlich auch von Wotan entdeckt, der von der „lieblichen Göttin, licht und leicht“ spricht. Fricka nennt ihr „holdes Geschwister“ gar „süßeste Lust“. Freia selbst sieht sich genügsam als „Holde“. Der Riese Fasolt aber gerät bei ihrem Anblick in zügelloses Schwärmen und seimt vom „Weib, das wonnig und mild“.

Wieso kommt Freia in die Rolle einer Vorführgöttin und wird damit Anlaß zu allgemeiner Lobhüdelei? Sie steht plötzlich ohne eigenes Zutun im Mittelpunkt des Geschehens. Wotan nämlich wollte eine Götterburg haben. Zu deren Bau hat er die Riesen Fasolt und Fafner gewonnen und ihnen als Lohn, man mag es kaum glauben, seine Schwägerin Freia vertraglich zugesichert.

Als „prunkvoll prahlt der prangende Bau“, wie Wotan die Fertigstellung des später Walhall genannten Domizils geschwollen kommentiert und ihm die Rechnung dafür präsentiert wird, fängt das Malheur an, das später mit der Götterdämmerung enden wird. Auf die Vorhaltungen seiner Frau Fricka wegen seines üblen Handels mit den Riesen behauptet Wotan: „Freia, die gute, geb’ ich nicht auf; nie sann dies ernstlich mein Sinn.“ Kurz und keineswegs gut: Wotan will sich jedenfalls um die befreiende Zahlung des vertraglich ausgehandelten Preises (Freia) drücken und die Riesen anderweitig abfinden. Zu diesem Vertragsbruch soll ihm Loge verhelfen.

Das will zunächst nicht klappen, denn die Riesen fordern den ausbedungenen Lohn, auf den zumal Fasolt scharf ist: Freia und sonst nichts. Die Göttin hat also allen Anlaß, zu jammern und um Hilfe zu flehen: „Schwester! Brüder! Rettet! Helft!“ und „Wehe“. Wotan gar wirft sie vor, der Schwäher habe sie, „die Schwache verschenkt“. Man versteht ihre Erregung, zumal Fasolt und Fafner sie vorerst mal als Wand abschleppen.

Was nicht einleuchtet, ist ihr und Wotans Verhalten. Daß der Gott sich in der ganzen Burgbau-Angelegenheit wie ein Hasardeur und Schuft verhält, liegt in seinem Charakter. Daß er aber so dumm ist, in dem gewagten Handel mit der Apfelgärtnerin Freia auch seine eigene Zukunft als ewig junger Gott aufs Spiel zu setzen, ist unbegreiflich. Aber auch Freia versäumt die Möglichkeit, ihre Familie mit einem knappen Hinweis – etwa: „Ihr werdet ohne mich und meine Äpfel ganz hübsch alt aussehen“ – unter Druck zu setzen. Sogar die Riesen haben mitgekriegt, was es mit den Äpfeln auf sich hat, und auch Loge weiß Bescheid, während die Götter erst in ihrer Abwesenheit merken, was ihnen mit Freias Obst genommen wurde.