Im Jahre 1977 erschien im S. Fischer Verlag in einer Neuausgabe das „Nürnberger Tagebuch“ des amerikanischen Gerichtspsychologen Gustave M. Gilbert. Das war die Geburtsstunde einer neuen Buchreihe „Die Zeit des Nationalsozialismus“, die nach dem Cover in der Branche bald „schwarze Reihe“ genannt wurde. Noch im selben Jahr folgte ein Neudruck von Hans Rothfels’ Studie über die deutsche Opposition gegen Hitler. 1978 kamen aus dem Fundus der Fischer Bücherei weitere Titel hinzu, unter anderem Alexander Mitscherlichs und Fred Mielkes berühmtes Buch „Medizin ohne Menschlichkeit“.

Jahr für Jahr sind in der „schwarzen Reihe“ mehr Titel erschienen: Waren es 1979 erst vier, so 1993 bereits zwölf. Dabei hat sich der Anteil der Originalausgaben kontinuierlich erhöht. Auch der gerade veröffentlichte 100. Band ist eigens für diese Reihe verfaßt worden. Angelika Königseder und Juliane Wetzel – Mitarbeiterinnen am Berliner Zentrum für Antisemitismusforschung – beschreiben zum erstenmal die Geschichte der jüdischen „Displaced Persons“, also jener 140 000 Juden aus ganz Europa, die den Holocaust überlebt und Zuflucht in den Lagern der westlichen Besatzungszonen gefunden hatten: Lebensmut im Wartesaal (Die jüdischen DPs im Nachkriegsdeutschland; Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt/M. 1994; 278 S., 18,90 DM).

Wie immer hängen verlegerische Großtaten dieser Art am Einfallsreichtum und der Durchsetzungsfähigkeit einzelner, in diesem Fall an dem Lektor Walter H. Pehle. Er hat der Reihe das unverwechselbare Profil gegeben, das sie zu einem nicht mehr wegzudenkenden Bestandteil der historisch-politischen Kultur in diesem Lande macht. Dank seiner Initiative ist zum Beispiel das bedeutendste Werk über den Holocaust, Raul Hilbergs Opus magnum „Die Vernichtung der europäischen Juden“, 1990 als dreibändige Kassette dem deutschen Publikum wieder zugänglich gemacht worden.

Ohne die „schwarze Reihe“ wären viele Dimensionen der NS-Herrschaft unseren Blicken verschlossen geblieben. Man denke nur an Ernst Klees Forschungen über die Euthanasie, an Georg Lilienthals Studie über den „Lebensborn e.V.“ oder an Rolf-Dieter Müllers Werk über „Hitlers Ostkrieg und die deutsche Siedlungspolitik“. So wirkt diese Reihe als ein mächtiger Sperriegel gegen das Vergessen und Verdrängen, als ein Antidot gegen den übermächtigen Wunsch nach „Normalisierung“, zu dessen Fürsprechern sich inzwischen höchste staatliche Würdenträger machen.

V. U.