Von Reiner Luyken

Mit Linus Pauling starb am Freitag vergangener Woche einer der letzten Hausärzte in unserer Welt der Spezialisten. Und was für ein Hausarzt! Zwei Nobelpreise heimste er auf seinem Lebensweg von 93 Jahren ein, dazu als einziger Ausländer den Lenin-Preis der Sowjetunion. Er war Mitglied der American Academy of Arts and Science, der Akademie der Wissenschaften der UdSSR und der Deutschen Akademie der Naturforscher. Kurz, Linus Pauling war ein außerordentlicher Mann.

Sein Werdegang ist ein Entwicklungsroman durch drei Epochen. Jeder Abschnitt trägt eine eigene Überschrift. Das Genie Pauling war einer der einflußreichsten Wissenschaftler diese Jahrhunderts. Er übertrug die Quantenmechanik auf die Chemie, wurde zum Wegbereiter der modernen Molekularbiologie. Dafür erhielt er 1954 den Nobelpreis der Chemie. Der Dissident Linus Pauling, ein amerikanischer Sacharow, war Vorreiter des Widerstandes gegen die Atomrüstung, ein Protagonist und Mentor linksliberalen Zeitgeistes. Das trug ihm 1962 den Friedensnobelpreis und den Lenin-Preis ein. Der Guru Linus Pauling erfand die „orthomolekulare Medizin“ und die Allheilkraft des Vitamin C. Damit erntete er den Spott der Wissenschaft und eroberte sich einen Platz der Unsterblichkeit im Himmel der Ökologie.

Für viele Wissenschaftler lag in Paulings Sturz aus dem Olymp der Wissenschaften eine Tragik, geboren aus Selbstüberhebung und Rechthaberei. Warum setzte er sich nicht mit siebzig Jahren aufs Altenteil und begnügte sich mit dem Dasein eines senior Citizen in seiner Sonnenheimat Kalifornien? Warum schrieb er als 85jähriger noch ein Buch, „How to Live Longer and Feel Better“, in dem er wissenschaftliche Analysen dem „gesunden Menschenverstand“ opferte und sich zum Wunderdoktor und Propheten säkulären Glücks aufschwang?

Wie der gute Hausarzt mehr ist als nur Doktor, nämlich Seelsorger, Respektsperson und soziales Gewissen, so fühlte Pauling sich viel mehr als nur der Wissenschaft verantwortlich. Und er hegte nie die leisesten Zweifel an seinem universalen Genie.

Ich traf ihn letztes Jahr. Er erzählte von seinem Entschluß aus der Zeit nach 1945, hinfort die Hälfte seiner Zeit dem Weltfrieden zu widmen. Das heißt, „meine Frau entschied, ich solle das tun“.

„Ihre Frau traf die Entscheidung?“