Auf das ärgerlichste kann der Stadt- und Baufreund derzeit an einem Berliner Musterbeispiel lernen, wie eine faszinierende Architektur in monatelanger Gemeinschaftsarbeit vieler Beteiligter kaputtgemacht wird. In der Kunstbibliothek an der Matthäikirche steht das große Modell, mit dem Sir Norman Foster 1993 den Wettbewerb für den Umbau des Reichstags zum Bundestag gewann. Und in der Galerie Aedes am Savignyplatz steht das Ende, Juni 1994 vom Ältestenrat des Deutschen Bundestags für die Ausführung bestimmte kleine Modell. Der Unterschied ist überwältigend.

Wer es nicht weiß: Foster schlug vor, den monumentalen Reichstag auf ein steinernes Podium zu stellen und ihn mit einem Baldachin aus Stahlsäulen und Glasscheiben zu überdachen. Wahrlich ein grand projet, das dem Prachtbau die kolossale Attitüde nahm, die Umgebung des düsteren Gehäuses für die Öffentlichkeit erschloß und der parlamentarischen Demokratie ein Denkmal schuf.

Doch ach, von all dem, was damals liebevoll als „Luftkissen“ oder verächtlich als „Tankstelle“ bezeichnet worden war, ist so gut wie nichts geblieben. Etwas aber ist neu; aus der Mitte zwischen den vier wuchtigen Ecktürmen ragt wie anno dunnemal eine gläserne Kuppel, die prima facie einem gestrickten Eierwärmer ähnelt.

Kein Grund zur Freude, Das Kleinkochen eines majestätischen Projekts wurde in Berlin gleichwohl gefeiert. Die Eröffnung der Ausstellung „Reichstag Berlin. Sir Norman Foster and Partners“ in der Galerie Aedes wurde zum Ereignis. Wer das distinguierte Englisch von Sir Norman nicht verstand, wird sich doch der köstlich überspannten Weise erinnern, mit welcher Foster das Wort extraordinary (außerordentlich) aussprach. Extraordinary war der alte Entwurf, dessen Qualität Foster wehmütig schilderte. Extraordinary war der Versuch, im Reichstagsgebäude neue ökologische Standards zu setzen, also bei Lüftung und Heizung viel Energie zu sparen. Extraordinary war der bisherige Arbeitsaufwand mit rund 35 500 Stunden. Extraordinary war, daß man im früheren Haus der Technik ein Büro eröffnet hat und künftig 27 Architekten und Ingenieure, Designer und Manager den Umbau des Wallot-Baus gegenüber dem Wallot-Bau vorbereiten.

Nur den neuen Entwurf charakterisierte Foster ohne das Wort extraordinary. Mit der nachträglichen Beschränkung der Nutzfläche auf die Hälfte habe man wie bei Null beginnen müssen – als ob man erst einen Omnibus für zwölf dann ein Auto für vier Personen hätte liefern sollen. Am meisten scheint Foster zu kränken, daß bei der von Sparzwängen begleiteten und von viel zu vielen Leuten mitbestimmten Überarbeitung der Reichstagsumbau fast zu einer Sache bloßer Innenarchitektur geworden wäre. Um seiner Philosophie treu zu bleiben – das meint den Einzug des Deutschen Bundestags auch für eine architektonische Legitimation der parlamentarischen Demokratie zu nutzen –, bot er den lieben Bonnern im April den Entwurf eines transparenten Zylinders an, der über dem Plenarsaal aus der Mitte des Hauses nach oben steigt.

Auch das ist gescheitert, an den Kuppel-Lüsten älterer Herren wie Alfred Dregger und Oscar Schneider. Die jetzige Lösung, von Foster weder technisch noch ästhetisch gewünscht, ist kein Halbes und kein Ganzes. Der dünnhäutige Eierwärmer zeugt nur von einem rückwärtsgewandten Bauherrn und einem auftragsgierigen Baumeister.

Bleiben wird der Vorschlag nicht, weil das Neue mit dem Alten, das Ellipsoide mit dem Orthogonalen nicht harmoniert.

Rudolf Stegers