Von Hans Harald Bräutigam

Mit einer seiner ersten Amtshandlungen hat das neu gegründete Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BIAM) die Öffentlichkeit erschreckt: Die „Pille“ führe möglicherweise zu Krebs. Solche Hiobsbotschaften sind leider nicht neu. Immer wieder stehen orale Verhütungsmittel unter dem Verdacht, Krebs zu erzeugen. Vor einigen Jahren ging es um Brustkrebs, heute soll es Leberkrebs sein. Angeklagt ist der Wirkstoff Cyproteronacetat (CPA) in den Präparaten mit den Handelsnamen Diane und Androcur.

Die im Sommerloch von den Medien bereitwillig aufgegriffene Meldung hatte zuerst an der Börse für Unruhe gesorgt. Die Aktien des Berliner Pharmakonzerns Schering, der seit zwanzig Jahren CPA produziert, erlebten einen Kurssturz, denn mit 400 Millionen Mark macht der ins Gerede gekommene Wirkstoff rund ein Zehntel des Jahresumsatzes des Pharmakonzerns aus. Inzwischen haben nicht nur Spekulanten, sondern auch sehr viele auf das Medikament angewiesene Menschen Angst vor CPA.

Verursacht CPA tatsächlich Leberkrebs? Der Wirkstoff gehört zu den sogenannten Sexualsteroiden, die bei Männern und Frauen die Fruchtbarkeit steuern. Als künstliches Antiandrogen hemmt es die oft krankhaft gesteigerte körpereigene Produktion des männlichen Sexualhormons Androgen. Darunter leiden beispielsweise viele Männer mit fortgeschrittenem Krebs der Vorsteherdrüse (Prostatakarzinom), aber auch die wenigen, die von einer Hypersexualität geplagt werden und ohne wirksame medikamentöse Unterdrückung ihres Triebes lebenslang in einer psychiatrischen Klinik vegetieren müßten.

CPA wird auch häufig zur Vorbeugung von Krankheiten und zur Schwangerschaftsverhütung eingesetzt. Das Präparat Diane nutzen in Deutschland rund 400 000 Mädchen und Frauen von der Pubertät bis zum Eintritt der Wechseljahre. Die meisten von ihnen halten Diane, gleichsam die pharmakologische Schwester des für Männer als Androcur auf den Markt gebrachten CPA, für unersetzlich. Mit der vor sechzehn Jahren von Schering eingeführten Kombination des CPA mit Östrogen, ebenfalls ein Sexualsteroid, lassen sich dank Diane nicht nur das Auftreten von Hautausschlag im Gesicht und auf dem Oberkörper (Akne), lästiger Damenbart und Glatzenbildung bei Frauen (Hirsutismus) verhindern, sondern auch unerwünschte Schwangerschaften.

Diane hat mit dem CPA-Anteil, der in der Pille zur Regulierung des weiblichen Zyklus zusätzlich noch die Aufgabe des Gelbkörperhormons (Progesteron) übernimmt, auch auf dem Pharmamarkt einen deutlichen Vorteil: Weil es gleichzeitig ein Heilmittel ist, anders als die „reinen“ Antibabypillen, kann Diane vom Arzt auf Kosten der Krankenkassen verschrieben werden.

Daß viele Frauen auf Diane schwören, stört die Wissenschaftler von der Arzneimittelbehörde in Berlin nicht. Sie haben den gesetzlichen Auftrag, tätig zu werden, wenn die Arzneimittelsicherheit in Gefahr ist. Deshalb wurde am 5. August ein Stufenplan angeordnet, der nach Anhörung von Experten und einem entsprechenden Ergebnis zum Verbot von CPA führen kann. Doch kurioserweise sollen nach derzeitiger Planung nicht alle CPA-haltigen Medikamente vom Markt verschwinden, sondern nur Präparate mit geringen Dosen an Cyproteronacetat wie Androcur-Tabletten (zehn Milligramm) und Diane (zwei Milligramm). Die Androcur-Depotspritze mit 300 Milligramm CPA zur Behandlung der Hypersexualität dürfte weiter verwandt werden.