Feuchte Hände beim Ausfüllen des Lottoscheins? Nicht doch, hier wird ja nicht gepokert. Kalter Schweiß vor lauter Kästchendenken? Ach wo, eine Annahmestelle ist doch kein Spielkasino. Keine zerfahrenen Gesten, kein wirrer Blick, nur Samstag abend der Gang der halben Nation zum Fernseher, leise Hoffnung im Herzen. Ein Schuft, wer „Schande!“ dabei ruft und im Taumel um den Jackpot – 26 Millionen Mark, sechsundzwanzig! – bloß einen Tanz ums Goldene Kalb in aufgeklärter Zeit sieht. Seit wann schützt Aufklärung vor Unvernunft? Wir verfallen gefährlicherem Unfug als diesem Lottofieber, wie jeder Blick auf unsere Straßen lehrt.

Nein, die Wahrheit ist schlichter: Der Zufall hat total versagt; achtmal schon ließ er den Jackpot unberührt. Der Staat gewinnt, der Bürger verliert; trotz der paar Gewinner. Millionen bleibt keine Chance, aber sie nutzen sie. Der Normalspieler verfällt dabei der Magie des Trivialen. Jeder spielt seine Glückszahlen, nach den Gesetzen der Wahrscheinlichkeit oder den Geburtstagen seiner Lieben. Und beide, der gebildete wie der schlichte Geist, werden ein Opfer von Staat und Zufall. Glücklos, aber gerecht geht es zu in dieser Demokratie des trivialen (Lotto-)Scheines. van