Die Frage im Titel hat der satirische Künstler Klaus Staeck auf einer seiner Postkarten beantwortet: Er hat „die Kunst“ als Käse unter eine Glasglocke gepackt. Basta.

Im Leonhardi-Museum in Dresden-Loschwitz zahlen die Besucher Eintritt – und haben schon im ersten von drei als Ensemble zu begehenden Räumen vergessen, daß sie in einer „Kunst“-Ausstellung sind. Das freut den jungen Mann am meisten, der die Installation ersonnen und aufgebaut hat: Pfelder, unter dem bürgerlichen Namen Detlef Witt 1965 in Hamburg geboren, interessiert sich für Grenzüberschreitungen jeder Art.

Deshalb ging der Student der Archäologie, der dann sein Diplom für das Fach Kommunikationsdesign erworben hat, gleich 1990 über die Grenze, als es den Staat DDR noch gab, um in Dresden Malerei und Graphik zu studieren. Zusammen mit den acht anderen Absolventen des Jahrgangs 1994 der Hochschule für Bildende Künste Dresden beteiligt er sich nun an der „Ausstellung neun“, die über vier Galerien der Stadt verteilt ist.

Im Eingang brummt eine große, elektrische Kühlvitrine. Ein Herr, weiß der Mantel, weiß das Haar, halb Chefarzt, halb Priester, nimmt die wunderbar verpackten Käse-Räder und -Röllchen aus Frankreich und baut sie auf in einer von vier Eisblöcken beherrschten, aus Metall und Holz gefügten Truhe, halb Kunst-Altar, halb Käse-Tresen. So andächtig zelebriert der Käse-Prophet, daß wir in den dritten Raum ausweichen. Dort erwartet uns ein kristallen im Licht der Scheinwerfer funkelndes, kleines Gewächshaus – unbegehbar. Im Innern: eine Elektroplatte und ein Zehnlitertopf Wasser. Der aufsteigende Dunst beschlägt die Glasscheiben des Rätsel-Hauses, die sich unter den Punkt-Leuchten warm anfühlen.

Berührung ist erwünscht, Kunst zum Betasten, Befühlen – Verzehren. Denn nun stehen wir vor dem Käse-Schrein im anderen Raum und lassen uns erzählen, was das einmal war, die Kunst, Käse zu bereiten, nicht in Röhren und Maschinen einer von Computern gesteuerten Fabrik, sondern auf der Alm, wo zweimal täglich aus kuhwarmer Milch, in Handarbeit, Käse bereitet wurde. Gebirgskäse, Käse von der Geest, aus der Marschlandschaft? Heute hat fast jeder Käse seinen Charakter verloren, erzählt der Käse-Weise und erschreckt die gespannt lauschenden Museumsgäste mit so alarmierenden Nachrichten, daß eine Kuh früher etwa viertausend Liter Milch im Jahr gegeben habe, heute aber rund fünfzehntausend.

Zum Trost, zur Aufklärung gibt es Proben von den achtzehn Ausstellungsobjekten – den letzten handgefertigten Rohmilchkäsen (au lait cru) aus Frankreich. Der sanfte Dozent für ganzheitliches Denken weiß, wovon er spricht. Harald Witt ist Chef des „Hamburger Käse lagers“ – und als Vater des Aktionskünstlers für die eigenwillige Kunst-Ausstellung des Sohnes auch Objekt – als Subjekt. Rolf Michaelis