Eigentlich mag ich Antonio. Wenn der alte Bauer vor seinem toskanischen Bauernhaus steht, würdig, aufrecht und ernst wie eine hundertjährige Zypresse, und uns Urlaubsnachbarn nach langer Abwesenheit zur Begrüßung freundlich zuwinkt – wie soll ich ihm da böse sein? Aber ich muß es! Denn Antonio, wo hast du meine alten Autoreifen aus dem Schuppen hingetan? Verbrannt hast du sie, ich weiß es, im Frühjahr dort unten neben dem Brunnen.

Dabei erzähle ich ihm schon seit Jahren, daß man so etwas nicht tut. Ich weise ihn auch immer wieder darauf hin, daß er die Plastiktüten nicht in seinem wunderschönen Kamin in der Küche verbrennen darf und daß die alten Autobatterien neben seinen Hasenställen nicht gut gelagert sind.

Antonio, der mich eigentlich auch mag, ist dann böse mit mir, dreht sich wortlos um, geht zurück in sein Haus und trinkt den Vin Santo ohne mich. Die leere Flasche wirft er anschließend in ein Blechfaß in der Scheune, wo er auch alle rostigen Nägel, Blechdosen und Vespateile lagert.

Wozu einen kommunalen Mülleimer? Antonio hat noch nie einen besessen. Um dem italienischen Staat noch mehr Geld in den gierigen Rachen zu schleudern? No und dreimal no, keine Lira kriegt das Bordell, wie er seine Regierung zu nennen pflegt. Und seinen Müll kriegen sie auch nicht, schimpft er, läuft rot an und murmelt „Dio cane, che maledetta banda di ladri“, was man besser nicht übersetzt.

Von Antonios Hof führt eine Straße in 34 Kurven hinunter ins Dorf. Kurve 27 lädt zum Verweilen ein. Mich jedenfalls. Ich sehe jedes Jahr nach, ob außer dem alten Herd, der Matratze und den Eimern mit Bauschutt neue Objekte am Abhang stehen. Der Müll ist teilweise bereits mit Efeu überwachsen, und das rostrote Blech bildet einen aufregenden Kontrast zum saftigen Grün der Blätter.

Auch mein selbstgemaltes Schild aus Holz kann ich dort unten noch entdecken, zwischen einem Gartenstuhl und einem Drahtgitter. „Bitte nichts hinunterwerfen“, hatte ich vor Jahren auf italienisch darauf geschrieben und es an einen Baum genagelt. Kurze Zeit später lag das Schild selbst unten am Bach. Seither versuche ich, das Stilleben von Kurve 27 anders zu betrachten. Im Abendlicht gefällt es mir besonders.

Auf italienischen Plastiktüten steht in grüner Farbe aufgedruckt, man solle „difendere l’ambiente“ – die Umwelt verteidigen – und deshalb möglichst viele Plastiktüten möglichst oft verwenden. Santino, der dicke Gemüsehändler, ist ein besonders aktiver Umweltkämpfer im Sinne der Plastiktüte. Anfänglich reichte ich ihm noch meinen Rucksack und Jutebeutel über die Theke, um die Lebensmittel darin zu verstauen. Mit dem Hinweis, es könnte etwas auslaufen und mir die schönen Sachen verschmutzen, packte er alles erst in eine Plastiktüte und dann in meine Säckchen. Irgendwann habe ich angefangen, es hinzunehmen. Jetzt erhalte ich, wohl zum Dank dafür, hin und wieder eine zusätzliche leere Plastiktüte als Geschenk.