Von Robin Detje

Marlon Brando hatte das T-Shirt, James Dean hatte den Porsche, und Ethan Hawke hat den Ziegenbart, auch „Goatie“ oder Grunge-Bart genannt. Der Ziegenbart ist das Insignium des männlichen Teils jener Generation von Mittzwanzigern oder -dreißigern, die nach zwei Buchtiteln von Douglas Coupland entweder „Generation X“ heißt oder vom „Shampoo Planet“ stammt. Er ist eng mit dem an den Kinnpartien vierzigjähriger Kegelbahnkönige verbreiteten Klobrillenbart verwandt; das paßt als Zeichen einer Generation, die weiß, daß sie nichts Eigenes hat und es keinen neuen Stil mehr zu erfinden gibt. Der postmoderne Himmel, von dem die Alten so fröhlich sangen, ist ihnen auf den Kopf gefallen; sie sind pleite, müde und meistens arbeits-, mindestens aber ziellos. Da ist es nicht so schlimm, wenn man wie Jürgen von der Lippe aussieht.

Hawke trägt die Minimalversion des Goatie: einen Streifen Bartstoppeln unter der Nase, einen Tupfer am Kinn. Er spielt den Troy Dyer in Ben Stillers Film „Reality Bites“, den heiseren Leadsänger der Gruppe „Hey, That’s My Bike“, der von seinen Gesprächspartnern einen Mindest-IQ verlangt und sich am Telephon als Richard III. mit „Hier ist der Winter unseres Mißvergnügens“ meldet (was dem Synchronstudio mit „Hier ist der katholische Männerbund“ zu übersetzen einfiel). In einer Zweck-WG von College-Absolventen, Abschlußjahrgang 94, verliebt er sich in Lelaina (Winona Ryder), die gerade eine Video-Dokumentation über sich und ihre Freunde dreht.

Sie würde in ihrem Leben gerne etwas Nützliches tun, gesteht Lelaina der eigenen unruhigen Kamera. Er würde gerne allen eine Cola ausgeben, wirft Troy ein. Er hält das Leben für eine sinnlose Aneinanderreihung von Beinahetragödien; deshalb habe er beschlossen, sich seinen Details zu widmen – fetten Cheeseburgern zum Beispiel. No cause, no rebel. Wenn man sieht, wie er schwitzt und wie es unter seiner etwas schwammigen Schale brodelt, weiß man, daß er lügt. Troy sitzt auf dem WG-Sofa wie eine ständige Drohung. In jedem anderen Film hätte sein Aggressionspotential für den einen oder anderen Jugendkrawall gereicht – hier bleibt alles ruhig. Winona Ryders Lelaina ist ein schönes und nervöses Wesen; ein hilfloses, aber entschlossenes Kind. Der Regisseur Ben Stiller spielt den Yuppie Michael, der sie liebt. Den rastlosen Produzenten von „In Your Face TV“ („Dir in die Fresse TV“), dem Channel, auf dem zwischen zwei Video-Clips die Mode-Korrespondentin live aus South Central L.A. das neue Donna-Karan-Stirnband für 75 Dollar empfiehlt: 100 Prozent street credibility. Im Unterschied zu Troy, dem ganzen, leider wortkargen Kerl, kann Michael Lelaina Komplimente machen, was seine Glaubwürdigkeit bei ihr erhöht.

Der Film erzählt die Geschichte, wie Troy seine Lelaina trotzdem kriegt: boy meets girl, ein großer Kuß und Schluß. Aber auf dem Weg zum Happyend sind Ben Stiller und seine Drehbuchautorin Helen Childress (deren Alter der Verleih mit 23 Jahren angibt) erfolgreich identitätsstiftend tätig. Sie schildern ein Milieu, eine Ruinenlandschaft, in der man ohne Erwachsene erwachsen werden muß. Die ordentliche Welt der fünfziger Jahre gibt es nicht mehr, und von den Gegenkulturen sind nur die Moden übriggeblieben (nicht der Luxus).

Einen Job zu finden, sagt Lelainas Freundin Vickie (Janeane Garofalo), sei der neue amerikanische Traum. Sie fürchtet, auf einem LSD-Trip gezeugt worden zu sein, führt eine Liste ihrer Bettbekanntschaften mit Nummer, Datum und Namen (aber wie hieß noch Nr. 66?) und zittert dem Ergebnis ihres Aids-Tests entgegen. Das Leben, stellt Lelaina fest, ist eine Krankenhausserie. Ihre Telephongespräche mit der Fernsehwahrsagerin schrauben die Telephonrechnung der WG in astronomische Höhen.

Und Sammy, der stillste der vier College-Freunde (Steve Zahn), gesteht seiner Mutter, daß er schwul ist. Lelainas Kamera erwischt ihn nach der Beichte vor dem Haus. Er wolle nun sein eigenes Leben leben, sagt er, und im selben Atemzug: Er wolle doch nur, daß Mama ihn wieder reinläßt.