Von Lew Kopelew

Es ist gut, daß sie gehen, die letzten russischen Besatzungssoldaten. Es ist gut, daß man sie freundlich verabschiedet, daß die Bundesrepublik ihnen dabei hilft, in Rußland eine menschenwürdige Behausung zu finden.

Das Abschiedszeremoniell könnte wohl bescheidener, ungezwungener sein. Lebt wohl, Kameraden! Laßt es euch gutgehen!... Das wäre ein guter Schlußstrich unter eine schlechte Vegangenheit und ein Auftakt zu einer besseren Zukunft.

Aber die feierlichen Veranstaltungen mit sorgfältig vorbereiteten Reden voll diplomatischer Rhetorik und die martialischen Paradeschauspiele sind zweideutig. Denn die russischen Soldaten erleben eine gesonderte Behandlung, getrennt von den Truppen der Westalliierten, die schon vorher gemeinsam verabschiedet wurden.

Die Enkel der Rotarmisten, die einst Berlin erstürmten – mehr als hunderttausend von ihnen fielen –, durften nicht zusammen mit den Enkeln der einstigen Verbündeten eine Versöhnung mit den Enkeln der ehemaligen Gegner feiern. Sie wurden auch nicht zu den Jubiläumstagen in der Normandie und in Paris eingeladen.

In dem fröhlichen Tschingderassassa all dieser Feierlichkeiten sind die schrillen Dissonanzen der Märsche des Kalten Krieges nicht zu überhören. Die politischen Befürworter einer solchen Behandlung russischer Soldaten rechtfertigen sie mit den bitteren Erinnerungen an die Verbrechen des Sowjetstaates, der das totalitäre Regime in der DDR aufbaute und rückhaltlos unterstützte.

Die Schriftstellerin Ilse Tschörtner hat in ihrem Beitrag zur „Berliner Debatte INITIAL“ (1/94) den Begriff „Siegerunglück der Russen“ geprägt. Sie meinte damit das Schicksal sowjetischer Kulturoffiziere, die nach 1945 aufrichtig freundschaftlich mit deutschen Künstlern, Literaten, Wissenschaftlern und Pädagogen zusammenarbeiteten und eben dafür von sowjetischen Behörden strafyersetzt oder in den Gulag befördert wurden. Das „Siegerunglück“ wurde zum Verhängnis für die meisten Russen, Ukrainer, Weißrussen und alle Völker, die das siegreiche Stalin-Imperium vereinnahmte.