So gegen sieben Uhr wache ich auf in meinem Apartment in der Hill Street in Santa Monica. Die ersten Stunden des Tages sind eine Art Traumzeit, in der ich nachdenke über Vergangenheit und Zukunft, über mein Leben und meine Arbeit. Heute dachte ich an den Film über meine Mutter, an dem ich seit Jahren arbeite. Meine Mutter ist nun fast achtzig Jahre alt, und der Film besteht bisher aus einer Reihe von Gesprächen über ihre Erlebnisse während des Krieges, ihre Zeit in den Lagern, ihre Befreiung aus Auschwitz, dann die Jahre in den D.P. Camps, wo sie meinen Vater kennenlernte. Er kam aus demselben polnischen Dorf; beide hatten ihre Familien verloren. Ich will verstehen, was dieses Leben bedeutet, für meine Mutter und für mich.

So gegen zehn Uhr bin ich geduscht und angezogen und fahre los. Bei Starbucks an der Ecke hole ich mir einen caffelatte, eine Brioche und die Los Angeles Times und fahre weiter zur Main Street, Richtung Edgemar. Edgemar war einmal eine Eierfabrik. Heute steht auf dem Gelände Frank Gehrys low-tech-Phantasie in kalifornischer Architektur: ein Innenhof mit zwei Bäumen und rundherum ein Museum für Moderne Kunst, ein Frauenbuchladen, Roeckenwagners Restaurant und meine Galerie für Zeitgenössische Photographie.

Sobald ich die Glastür aufschließe, klingelt mir schon das Telephon entgegen. Bis 1992 war ich „nur“ Photographin und machte Dokumentarfilme. Ich konnte mit Menschen arbeiten und mich wieder zurückziehen. Heute bin ich so etwas wie eine öffentliche Person, von elf Uhr morgens bis acht Uhr abends (oder länger) ansprechbar für Besucher und Künstler, für Photographen, die ausstellen wollen, für Sammler und Mäzene: Kuratorin, Organisatorin, Pädagogin und Geschäftsfrau in einer Person, kurz, eine normale Galeristin.

Es gibt Tage, da kommen an die 200 Menschen, um unsere Ausstellungen zu sehen. Viele sind interessiert; die wenigsten bereit oder in der Lage, etwas zu kaufen. Heute kam eine Frau, schaute sich um, ließ sich die Bilder erklären, blieb mehr als eine Stunde und fragte dann: „Kann man die Photos auch kaufen?“ Und ich fragte: „Was denken Sie wohl, wovon wir leben?“ Die Leute genießen die Kunst, als seien wir ein Museum, das nicht mal Eintritt kostet. Daß ich jeden Monat für 25 000 Dollar verkaufen muß, damit die Galerie existieren kann, fällt kaum einem auf. Wir haben vielleicht zehn Kunden, die uns regelmäßig unterstützen. Ohne ihre Hilfe könnte ich den Laden schließen.

Ich habe hier einen Computer, einen Schreibtisch voller Bücher, und wenn ich nicht gerade Kunden berate, Buchhaltung führe oder Besuchern erkläre, daß sie die Mappen besser nicht mit verschwitzten Händen anfassen sollen, schreibe ich Rechnungen oder Briefe oder Faxe, um die nächste Ausstellung vorzubereiten.

In den letzten Monaten hatten wir eine Show mit Photos von Jeff Bridges, eine andere mit Horace Bristol. Das ist ein amerikanischer Photojournalist, der 1946 durch japanische Dörfer reiste und ein einfaches ländliches Leben dokumentierte, das es inzwischen nicht mehr gibt.

Heute haben wir die Photos aus der Mappe von Eudora Welty gehängt. Sie ist eigentlich Schriftstellerin; aber während der großen Depression reiste sie durch die kleinen Städte in Mississippi und hielt die Zeit fest: flüchtige Momente, die sich öffnen und vertiefen wie eine Geschichte.