Meine Jahre mit Kohl? Das klingt toll! Ich war zweimal in seiner Nähe. Einmal in Dresden bei einem Essen mit sächsischen Kulturschaffenden nach seiner Rede vor der Ruine der Frauenkirche 1990. Er aß sichtlich mit Appetit und war ganz beim Gespräch.

Das zweite Mal in Leipzig, nach seiner Rede vom Balkon der Oper. Ich konnte mit anderen eine Etage höher den großen Auftritt erleben. Der Karl-Marx-Platz war randvoll, gefüllt wie zu den größten Montagsdemonstrationen im Herbst 1989. Kein anderer westdeutscher Spitzenpolitiker stellte ihn in den Schatten. Daß er zuviel versprach, blühende Landschaften gar – nun ja, er erlebte seinen größten Triumph, er war plötzlich ein Real-Patriot, und er kannte, leider, seine Landsleute schlecht. Zu viele waren schon auf der Flucht nach Europa, fort von allem Deutschsein, weg von deutscher Geschichte und von deutscher Einheit, von deutschem Elend, deutscher Schuld und auch deutscher Sühne.

Die Mehrheit wollte alles, wie es 45 Jahre lang war: politisch klein und wirtschaftlich stark und groß und immer mehr, und wenn etwas Neues sein mußte, dann, bitte, noch mehr.

Trotzdem! Daß die mitteldeutschen Landschaften wieder heller geworden sind und zaghaft blühen, daß die lähmende Stagnation und der permanente Verfall und Mangel überwunden sind, ist eine politische Leistung. Ein vorderer Platz in der deutschen und europäischen Geschichte ist ihm sicher. Er hat – mit Genscher – in einem historischen Moment die Chancen deutscher Politik erkannt und die Vereinigung der beiden deutschen Nachkriegsstaaten völkerrechtlich bewerkstelligt.

Das war eine gute Zeit, damals, und die, die Einheit nicht wollten, die am Ende nur resignierend zusammenwachsen lassen wollten, was eben zusammengehört, hätten keine bessere bewirkt.

Nur: Meine Metamorphose von einem gebürtigen Mitteldeutschen in einen Ostdeutschen konnte er nicht verhindern. Denn die guteren Deutschen, die „immer bereit“ mehrere Kerzen parat haben für allzeit gutes Gewissen, erkennen zwar die ewige deutsche Schuld, wollen aber die deutsche Sühne vergessen machen. Deutschland sühnte zum Beispiel mit dem Verlust eines Drittels seines Staatsgebietes, mehr noch: Ostdeutscher Sprach- und Kulturraum wurde durch die Stalinschen ethnischen Säuberungen vernichtet. Um das vergessen zu machen, mußte ich gegen meinen Willen, wie Millionen Mitteldeutsche, Ostdeutscher werden. Das war nicht fair!

Richtig wäre es doch, wenn Deutschland, seiner unvergleichlichen Schuld entsprechend und eingedenk seiner Sühne, das Land wäre, in dem es selbstverschuldet keinen Osten mehr gibt. Ich dürfte mich dann frei einen Mitteldeutschen nennen, ohne befürchten zu müssen, von den gutesten Deutschen sündenstolz des Rechtsextremismus bezichtigt zu werden.