Von Gisela Dachs

Suha Arafat war mit gutem Beispiel vorangegangen. Ausgerüstet mit einem Müllsack, hatte die Gattin des PLO-Chefs Anfang August eine Stadtreinigungsaktion am Strand von Gaza eröffnet. „Wenn wir unsere Stadt nicht reinigen“, erklärte sie den freiwilligen Helfern, „wird es kein anderer tun.“ Tatsächlich sind die Schutthaufen an den Straßenrändern seit der palästinensischen Autonomie kleiner geworden, wirkt die Stadt im Vergleich zu früher sauberer. Während der Intifada dienten Müllcontainer vor allem als Sperren gegen die israelischen Soldaten.

Doch im Gaza-Streifen geht es nicht allein ums Aufräumen. Das Wort „Umweltschutz“ klang in den Ohren der Israelis wie auch der Palästinenser wie ein Fremdwort. So sind die Ausgangsbedingungen, mit denen die palästinensische Selbstverwaltung jetzt fertig werden muß, katastrophal. Neben einer chronischen Wasserknappheit fehlt es vor allem an Müll- und Abwasserbeseitigungssystemen; unkontrolliert werden Pestizide und Düngemittel gebraucht. Und das sind nur die dringlichsten Probleme, die Jamal Safi, der Leiter des Environmental Protection and Research Institute, auflistet. Offiziell galt im Gaza-Streifen, der von den Israelis nie annektiert worden war, immer noch ägyptisches Umweltrecht – aus dem Jahr 1967. Zudem konnte die israelische Ziviladministration jedes Gesetz nach Bedarf außer Kraft setzen. Vor acht Monaten beschloß die PLO-Führung zwar den Aufbau einer Umweltbehörde, noch aber hat die Palestinian Environmental Protection Agency (Pepa) ihre Arbeit nicht aufgenommen.

Knapp 900 000 Menschen leben in dem 365 Quadratkilometer breiten Gaza-Streifen – eine Bevölkerungsdichte, die zu den höchsten der Welt gehört. Jeden Tag werden dort 11 000 Kubikmeter Abfall produziert. Weil es nicht genug Angestellte, Container und Fahrzeuge gibt, bleibt der Dreck liegen. Zwar ist das Müllaufkommen derzeit immer noch viel niedriger als in Israel, doch auch das wird sich in Zukunft wohl ändern: Schließlich bedeutet der Friedensprozeß für die Palästinenser auch Hoffnung auf Industrialisierung und mehr Wohlstand. Und das bedeutet eben mehr Müll.

Bisher werden im Jahr zwanzig Millionen Kubikmeter Abwässer produziert. Mehr als die Hälfte davon wird direkt ins Mittelmeer geleitet. Der Rest wird in drei Sammelbecken aufgefangen; wenn die gefüllt sind, laufen sie über. Die Abwässer breiten sich auf den Straßen aus, offene Rinnsale in den schmalen Gassen der Flüchtlingslager. Die jüngste Untersuchung in Kindergärten habe ergeben, zitiert Umweltexperte Jamal Safi, daß mehr als fünfzig Prozent der Kinder von Parasiten infiziert sind.

Für weitaus gefährlicher aber hält Safi die Verseuchung durch Pestizide. So würden im Gaza-Streifen neunzehn Pestizide und Düngemittel verwendet, deren Gebrauch international längst verboten sei. Die Bauern wissen das nicht, oft können sie die fremdsprachigen Verpackungsbeilagen nicht lesen. Deshalb gehöre es zur Verantwortung der zivilisierten Welt, „die Initiative zu ergreifen und die Produktion, den Export und Import von solchen verdächtigen Giften auch in der Dritten Welt zu kontrollieren“. Wahrscheinlich sei durch den übermäßigen Gebrauch von Agrochemikalien auch bereits das Grundwasser verseucht worden. Jamal Safi weist darauf hin, daß von 1979 bis 1983 im Al-Shefa-Krankenhaus in Gaza 1101 Fälle von Krebs registriert worden seien.

Es besteht auch der Verdacht, daß giftige Abfallprodukte aus Israel im Gaza-Streifen und in der Westbank lagern. So gab eine Untersuchung von Danish Chemcontrol für Israel eine Giftmüllproduktion von 100 000 Tonnen (1990) an. Doch nur knapp die Hälfte erreichte die offizielle Sonderdeponie in der Wüste Negev.