KÖLN. – Sie gibt alle zwei Monate die Frauenzeitschrift Emma heraus. Sie hat ein Buch über die Beziehung von Petra Kelly und Gert Bastian geschrieben, das zum Bestseller wurde. Sie tritt in Talk-Shows und Ratesendungen auf. Und – wie es den Anschein hat, fast nebenher – hat Alice Schwarzer einer Institution zur Existenz verholfen, die im deutschsprachigen Raum ihresgleichen sucht: Am Wochenende wird der FrauenMediaTurm eröffnet, der das Feministische Archiv und ein Dokumentationszentrum beherbergt und als Meilenstein in der Geschichte der Frauenbewegung einzustufen ist. Denn mit rund 20 000 erschlossenen Dokumenten, zu denen jährlich 2000 hinzukommen, nimmt der FrauenMedia-Turm das bestdokumentierte und technisch am modernsten ausgestattete Facharchiv zu Frauenfragen hierzulande auf.

Geboren wurde die Idee vor elf Jahren, als Alice Schwarzer und der Hamburger Mäzen Jan Philipp Reemtsma sich in Hamburg trafen, um ein Institut für Sozialforschung zu gründen, und die Frauenrechtlerin feststellte, daß für Frauen „keine Fachbibliothek, kein Hort des Wissens, wenig Voraussetzung zum Weiterdenken“ existierte. Reemtsmas Starthilfe von zwei Millionen Mark ermöglichte Gründung und Aufbau einer gemeinnützigen Stiftung. Doch während diese Institution bislang eher im verborgenen arbeitete, wird sie mit dem Umzug in den historischen Kölner Bayenturm auch der Öffentlichkeit zugänglich.

„Wer den Turm hat, hat die Macht“, formuliert die Feministin gewohnt kämpferisch die Eroberung des mittelalterlichen Denkmals, das seit Baubeginn in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts ein Domizil der Männer, aber auch ein Symbol für den Freiheits- und Unabhängigkeitsdrang der Kölner Bürger war: Hatten sie den Wehrturm, den gewaltigsten im damaligen Europa, doch 1262 im Kampf erstürmt und zurückgewonnen, nachdem er im Jahr zuvor von Erzbischof Engelbert erobert worden war. Nach wechselvoller Geschichte im Zweiten Weltkrieg schwer beschädigt, wurde das Monument originalgetreu wiederaufgebaut – auf Anraten des bedeutenden Kölner Architekten Gottfried Böhm, mit dem die damalige Denkmalschützerin der Stadt, Hiltrud Kier, über die bauliche Zukunft des Turms diskutiert hatte. Was dann folgte, schildert Hiltrud Kier als „wahren Krimi“. Denn zunächst war vorgesehen – typisch Köln –, einem Karnevalsverein den Turm zu überlassen, weniger um den Frohsinn zu fördern als wegen der dann garantierten „kostenneutralen Nutzung“. Doch die finanzielle (fünf Millionen Mark) und ideelle Unterstützung des Landes sowie einige unerschrockene Köln-Förderer, darunter der frühere Oberstadtdirektor Kurt Rossa, und -Förderinnen wie Hiltrud Kier brachten den FrauenMediaTurm dann auf den Weg. Alice Schwarzer: „Da sind die Frauen einmal nicht in der Besenkammer gelandet.“ Der Vertrag mit der Stadt Köln wurde erst einmal auf dreißig Jahre und weitere zwei mal zwanzig Jahre geschlossen. Doch die Initiatorin meint: „Ich hoffe, daß die Frauen hier nie mehr rausgehen.“

Die Eröffnung des FrauenMediaTurms ist ein Zeichen dafür, daß Frauengeschichte endlich auch von einer politischen Öffentlichkeit ernst genommen wird und Bürger daran partizipieren können. Bislang wurde sie, so erklärt Alice Schwarzer, „kaum aufgeschrieben und oft verschwiegen oder verdreht. Frauen sind nicht geschichtslos, sie gelten als geschichtslos. Und der FrauenMediaTurm will dazu beitragen, daß Frauen auf ihre eigene Geschichte aufbauen.“

Erinnert, aufbewahrt und für die Zukunft gesichert werden soll die Geschichte der Frauen, „die aus ihren (nur selten vergoldeten) Käfigen und Kemenaten ausbrachen“. Das reicht von frühen Stationen der Menschheitsgeschichte, den antiken Philosophinnen und Denkerinnen der Renaissance über die Handwerkerinnen, Geschäftsfrauen bis zu den Kämpferinnen des 19. Jahrhunderts, die sich gegen Zwangsehe, Prügelrecht des Ehemannes, Berufsverbot, Frauenhandel, fehlendes Wahlrecht und Ausschluß von Hochschulen und Politik zur Wehr setzten, und endet nicht bei jenen 374 Frauen, die in den siebziger Jahren im stein bekannten: „Ich habe abgetrieben und fordere für jede Frau das Recht dazu.“

Der FrauenMediaTurm ist ein Instrument gegen das Vergessen. Grund genug, dies zu feiern. Drei Tage lang, vom 26. bis 28. August, dauert das Eröffnungsfestival, dessen überwiegend für alle zugängliches Programm nur Frauen bestreiten.

Marie Hüllenkremer