In Auvers-sur-Oise ist kürzlich ein Museum eröffnet worden, das „die weltweit schönste Sammlung des Impressionismus“ (Eigenwerbung) versammelt. Der kleine Ort, vierzig Kilometer nördlich von Paris, ist für solch ein ambitioniertes Unternehmen prädestiniert. Monet, Pissaro, Cézanne, Manet, Renoir und Sisley fanden hier laut Prospekt „eine ideale Kulisse“, und van Gogh schoß sich vor ebenderselben eine Kugel in den Leib. Die „Auberge Ravoux“, wo van Gogh 68 Tage lang lebte und zwei Tage lang starb, wurde maßstabgetreu restauriert, so daß man nun speisen kann, wo er sich das Essen vom Munde absparte. Der Originalschauplatz seines Todes adelt noch jedes Würstchen mit der Aura der Echtheit.

Aber mit solch anachronistischen Formen der Kulturnostalgie ist jetzt Schluß. Wir dürfen nun erstmals live dabeisein, wenn die Impressionisten die „ideale Kulisse“ für ihre weltweit schönsten Gemälde entdecken, wenn sie im Kaffeehaus zu tief ins Absinthglas gucken oder in halbseidenen Kissen Trost suchen, weil ihre Bilder bei einer Versteigerung wieder nur mickrige Preise erzielten. Würdiger Ort des Geschehens ist das „vornehme Schloß“ zu Auvers, nur wenige Schritte von der „Auberge Ravoux“ entfernt. Die selbsternannte „neue Hochburg der Kultur und des Tourismus“ lädt ein zu einem museumspädagogischen „Erlebnisparcours für alle fünf Sinne“, einer virtuellen Reise in die Zeit des Impressionismus, reale Verpflegung inklusive. Bienvenu im Sisleyland der gehobenen Simulation.

Der Erlebnistrip, „bisher einmalig auf dieser Welt“, setzt auf das Kalkül, daß die Imitation des Lebens die Initiation in die Malerei gewährleisten muß; ein Infrarotkopfhörer, den jeder Impressionismustourist am Eingang verpaßt kriegt, assistiert mit klanglichem Background und klirrender Belehrung. „Wenn Sie wirklich alles optimal erleben wollen, müssen Sie in der Gruppe geschlossen von Raum zu Raum gehen“, droht die Stimme im Kopfhörer wahlweise auf französisch, deutsch oder englisch, jeder individuelle Ausfallschritt wird mit Funkstille abgemahnt.

So wandelt die Erlebnisherde geschlossen durch die Kulissen des Fin de siècle, vom Grand Boulevard zur Strandpromenade, vom Kaffeehaus mitten ins Bild. „Herzlich willkommen in der Zeit der Impressionisten“, wo wir auf Bildschirmen ein Paris sehen, „wie sie es gesehen haben“, und vom Band hören, was sie niemals gehört haben können: die Alkovengeheimnisse von Manets „Olympia“ und das Geplauder der Büglerinnen von Degas, das intrigante Getuschel in den Salons und Selbstmordstatistiken in den Behörden. Wir besuchen im Rudel einen prähistorischen Redlightdistrict, betreten Salons und Auktionen, wir trinken Absinth im Kaffeekonzert und sehen auf Großprojektionen das Meer, wie sie es in ihren weltweit schönsten Bildern gemalt haben.

Man steigt an der Gare St. Lazare mit Degas und Monet in den Zug, und wenn man an einer Brücke vorbeikommt, wird Anschauung – „Bewundern Sie die Konstruktion!“ – zum Befehl. Pferdegetrappel im Kopfhörer präludiert die Einsicht, daß die malenden Sommerfrischler „die Pioniere des Eisenbahntourismus waren“, draußen vor dem Abteilfenster sausen in einem Affenzahn impressionistische Landschaftsprospekte vorbei, Monets Heuhaufen, Pappeln, Mohnfelder, van Goghs krumme Kirchen und Seelenschlachtfelder, bis der Medientourist im Rausch der fünf Sinne kapituliert. Der Bilderbrei auf der Leinwand läßt keinen Zweifel aufkommen: „Erstmals zerfließen die Formen in einer Malerei der Bewegung.“

Nichts gegen das optimale Erlebnis. Doch muß man wissen, wie Monet seine Seerosen pflückte und Manet im Freien frühstückte, wie Degas seine Ballettratten am Tutu zupfte und Renoirs Gespielinnen ihre Schenkel ins Sonnenlicht reckten, um die Impressionisten „noch besser kennen- und liebenzulernen“? Was hier auf den touristisch erweiterten Kunstbegriff gebracht wird, ist keine „Malerei der Bewegung“, sondern ein computeranimierter Mustermix, kein museumspädagogisches Erlebnis, sondern impressionistisches Fast food fürs Volk. Da wird rangezoomt und rumgeschnippelt, Monet mit Manet, Malerei mit Photos überblendet und ein Portrait mit digital bewegter Mimik zum Comicstrip erweckt. Gnadenlos werden die Gemälde selbst zum „Erlebnisraum“ aufgemotzt, ohne Scheu und Gnade wird ihnen der medientechnische Prozeß gemacht. Wer redet noch, wie Walter Benjamin, vom Verlust der Aura? Im Zeitalter seiner technischen Simulierbarkeit wird das Kunstwerk wieder unbarmherzig zum Ereignis. Bigger than life.

Andrea Köhler